Die Ästhetik des Balkongartens


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Bild vom 10. September 2014: Freies Wuchern, aber doch mit einer Struktur und Ordnung

Mein Bedürfnis an einen Balkon ist Schönheit und Entspannung „in der Natur“. Schönheit, ist einfach subjektiv, aber „in der Natur“ bedarf der Erklärung. Ich möchte einen Balkon haben, der einen naturähnlichen Eindruck hervorrufen kann. So, wie die Landschaftsgartenidee des 18. und 19. Jahrhunderts, die aus England kam: Diese Parks, wie der Berliner Tiergarten oder der von Sanssouci in Potsdam, erscheinen einem wie eine natürliche Landschaft, mit Lichtungen, Baumgruppen, Seen, Flüsschen. Eigentlich sind sie aber von A-Z angelegt, und vor allem komponiert darauf hin, dass man schöne Sichtachsen hat, dass immer irgendwo etwas blüht, dass die verschiedenen Gehölze miteinander eine spezifische, spannungsreiche Komposition ergeben. IMG_8327Komposition mit dem Fenster des Wohnzimmers am 10. September 2014

Diese Idee möchte ich auf den Balkon übertragen: Mir ist klar, dass der etwas anderes ist, wie wenn ich am Wochenende in die Natur heraus fahre (die auch eine Kulturlandschaft ist, aber bleiben wir da doch bei Natur, um es nicht zu kompliziert zu machen!). Ich kann als Mensch schlicht keine Natur hervorrufen, weil das nur die Natur selbst kann, aber ich kann, so wie in der Landschaftsparkidee, Natur bewusst so arrangieren, dass ein natürlicher Eindruck entsteh. Und mehr noch, ich kann dem Natürlichen nicht stets entgegen arbeiten. Daher möchte ich ihn so komponieren, dass er natürliche Eindrücke hervorrufen kann, um so zu meiner Entspannung und Erfreuung beizutragen. IMG_4366Der Balkon heute, 25. 3. 2015, aus der Balkontür gesehen

Das geht, wenn ich viele verschiedene Pflanzen auf dem Balkon habe, die  und auch deren Umgebung ich so behandele, dass sie ein gehöriges Maß an Freiheit haben, Dinge zu tun, die ich nicht unmittelbar voraussehe oder steuere. Das ist mein persönliches Ideal: So stecke ich z.B. gerne in Blumentöpfe und Blumenkästen irgendwo Samen hinein, und wenn sie kommen, dann lasse ich ihnen ihren Lauf. Oder, wenn spontane Pflanzen in den Töpfen wachsen, und sei es Gras oder Vogelmiere, ich lasse sie wachsen. Und manches Mal kommen auch richtige Blumen heraus, Blumen, die der Spießergärtner Unkraut nennt, die ich aber nicht als solches sehe. Sogar eine junge Brennnessel sieht sehr schön aus, nur, wenn sie größer wird, so ist das dann ein Fall, wo ich ausreiße. Hier ja. Aber, eben nicht grundsätzlich.

Und, dass ich viele Kletterpflanzen anpflanze, dies gehört auch dazu. Klematis, Brombeere Theodor Reimers, Ohne TitelJelängerjelieber, Ramblerrosen, das sind alles Pflanzen, die sehr viel Naturenergie haben (ich meine das nicht esoterisch), die also mit einer Kraft wachsen, die aus ihrer Eigenart kommt, die ich nie vollkommen werde steuern können. Die Brombeere habe ich etwa versucht, an mein Pflanzgerüst zu ketten und 8-Förmig wachsen zu lassen, aber sie ist doch zu einer eigenen Form geworden, und gut so! Das bedeutet, ich erlaube den Pflanzen sehr gerne, in einem gewissen Umfang ihre eigene Logik zu kultivieren. So möchte ich das Gefühl von Natur erleben. Ich möchte mich ein wenig überraschen, sogar überwältigen und herausfordern lassen. Eine Geschichte dazu: Letztes Jahr hatte ich zweimal Raupen auf dem Balkon, Kohlweißlinge. Beide male habe ich mich darüber riesig gefreut. Ich habe sie nicht vertrieben oder getötet. Der NABU bestätigte mir, dass Schmetterlinge „Zeiger“ einer intakten Natur sind, und wenn diese mir sogar ihre Kinder anvertrauten, dann fand ich das einen noch tolleren Zeiger dafür, dass ich Natur geschaffen hatte, durch mein Einkaufverhalten in der Baumschule. Ich mochte die Raupen, sie aßen meine Kapuzinerkresse, aber von der ist ja allemal genug da! Die wuchert so schön! Und, als die Raupen etwas größer waren, da wurden sie von eigenartig aussehenden Wespen gefressen. Ich war traurig, aber auch hier ließ ich mich überwältigen, und griff nicht ein, beschützte die Raupen nicht vor der Natur, auch, wenn ich es so nicht wollte.

IMG_4364Die stufenartige Anordnung sort dafür, dass viel unterkommt, das doch Licht bekommt, und sie wirkt geordnet, ein typischer Eindruck am Saisonanfang. Später, im Sommer, überwächst dies, und die Natürlichkeit darf vorherrschen, vor der Ordnung.

Das möchte ich also auf meinem Balkon. Ich möchte nicht, dass es ein spießiger Garten wird, ich möchte auch nicht, dass es wie ein Wohnzimmer mit nur etwas mehr Grün aussieht, sondern zumindest ab Ende Mai soll es wirklich wie Natur aussehen, wie eine verwunschene Laube, oder eben, wie ein Garten, dem man ein wenig die Zügel hat schießen lassen. Wie ein Landschaftspark auf dem Balkon. Ein Landschaftsparkbalkon. IMG_4358

Ich habe nun einen Balkon, eigentlich eine Loggia, mit der Grundfläche 1,30m x 3m sowie eine Breite Brüstung, zwei Nischen und eine Balkonrückseite mit großflächiger Durchfensterung. Das ist nicht viel, aber es ist sehr viel! Darauf habe ich nun, Beginn des Wuchsjahres folgende Pflanzen (von ganz links (Osten) nach ganz rechts (Westen):

Himbeere

Krokus

Brombeere Theodor Reimers

Tulpe

Strauchrose roxburghii (Kastanienrose)

Ginster (leider zweifarbig), Gelb und Tiefrot

Andersartige Himbeere

Erdbeeren Senga ® Sengana ® (nicht so dolle)

Rose Jubilé du Prince de Monaco als Hochstamm

Primeln, Rot

Schlüsselblumen, Weiß

Rote Johannisbeere (Ribes rubrum „Rolan“ CAC II“)

Acer Palmatum, rot

Lorbeer

Schwarze Johannisbeere

Hortensie, Blaulila

Cornus Kousa chinensis

Rosmarinus Officinalis

Schönmalve, Rot (Abutilon Hybride)

Johanniskraut

Flieder, weiß

Unbekannte Rose mit glänzenden, kleinen roten Blättern (bin gespannt auf die Farbe)

Ramblerrose „Ghislaine de Féligonde“

Krokus „Ruby Giant“

Clematis viticella Polish Spirit

Clematis viticella Negritjanka

Clematis viticella Alba Luxurians

Jelängerjelieber, vier Stück, zwei davon: Lonicera heckrottii „Goldflamme“

Clematis „The President“

Clematis Hybride „Mrs. Cholmondeley“

Australisches Veilchen, Viola hederacea

Kletterrose Super Dorothy ®

Crocus ARD Schenk, Chrysanthus 5/7

Zurzeit noch nicht auf den Balkon:

Hibiskus, rot

Hibiskus Rosa

Hibiskus Rosarot

IMG_4353Vor wenigen Tagen, am 22. März

Das bezeichnet man wohl als sehr viel. Und ich habe ja schon erwähnt, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob das alles zusammen auf Dauer wachsen und leben kann. Aber, dies ist eine der schönen Sachen an der Natur, die nicht überwältigend sind: Sie entwickelt sich langsam. Man kann reagieren, wenn man es möchte. Ich kann mich, schmerzlich, aber mit Muße, von Pflanzen trennen (genauer, sie verschenken oder versetzen), falls etwas nicht klappt, falls Pflanzen sich auf meinem Balkon nicht gut entwickeln und leiden müssen. Ich habe Zeit einzugreifen, und ich kann immer neue Wege finden, mein Ziel, die Natur auf dem Balkon, im Auge zu haben, und es immer auch wieder lange wirklich so zu sehen, wie ich es mag, auch, wenn es sich verändern wird.

Literatur zu den Grundideen: Adrian von Buttlar Der Landschaftsgarten. Gartenkunst des Klassizismus und der Romantik, Ostfildern 1993

Tilmann Breuer, Naturlandschaft. Kulturlandschaft. Denkmallandschaft, in: Historische Kulturlandschaften. Internationale Tagung veranstaltet vom Deutschen Nationalkomitee von ICOMOS 10.-17. Mai 1992, München 1993 [=ICOMOS Hefte des Deutschen Nationalkomitee 11]

Hartmut Böhme, Artikel „Natur“, in: Karlheinz Barck et all. (Hrsg.), Ästhetische Grundbegriffe (ÄGB). Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, Stuttgart 2005.

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3 Gedanken zu “Die Ästhetik des Balkongartens

  1. Ein Landschaftsparkbalkon! Was für ein schönes Wort – und was für eine schöne Idee! 🙂
    Ich bin echt gespannt, wie er sich in den kommenden Wochen und Monaten entwickelt. Die Fotos vom vergangenen Jahr sind auf jeden Fall ein Traum. So schöne Farben!
    Und diese Stufenlösung ist echt super. leider habe ich keinen komplett gemauerten Balkon, der breit genug dafür ist. 😦 Aber dafür probiere ich dieses Jahr mal was Anderes aus… Was, verrate ich aber noch nicht 😉
    Dir weiterhin viel Erfolg!!!

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