Vom Wuchs der Rosen. Irritationsmomente

Nun bin ich Besitzer und Wächter über insgesamt sechs Rosen! Noch Beginn des Jahres hätte ich das für nicht vorstellbar gehalten. Von dem etwas ängstlichen Respekt bei der Pflege habe ich ja schon gesprochen. Aber,  mich hat nun einfach die Faszination für dieses Gewächses gepackt!. Die Schönheit der Rosenblüte, sei es eine der natürlichen Formen, seien es die Zuchtformen mit ineinanderlaufenden Farbschattierungen, ist berauschend. Auch die Blätter mag ich. Der Wuchs der Rose aber irritiert mich etwas, da er so etwas Unruhiges hat. Darüber will ich heute schreiben und würde mich freuen, wenn die folgenden Überlegungen nicht als Blasphemie oder Unkenntnis, sondern als Fragen verstanden würde. Gerne läse ich eure Kommentare.

Schwarze Johannisbeere (Ribes rubrum „Rolan“ CAC II“)

Wuchsform einer Schwarzen Johannisbeere, klar als Busch.

Wie wachsen Rosen natürlich? Im „Urania Pflanzenreich“ steht: „aufrechte oder klimmende Sträucher mit meist stachlig bewehrten Sprossen“. Können Rosen aber wirklich so wachsen wie konventionelle Sträucher oder Büsche? So, wie etwa Johannisbeere oder Falscher Jasmin? Ja, das können sie schon, bei regelmäßigem Schnittes und ggf. der Festigung durch Klettergerüste.

Was für Wuchsformen der Rose gibt es dabei? In einem meiner wundervollsten Bücher, Karel Hiekes „Praktischer Dendrologie“, von 1989 beschreibt der Autor eine ganze Gruppe von „Habitus“-Typen.

Bei ihm sind es neun, ich habe hier bildlich nur sechs davon dargestellt, da die anderen den dargestellten Typen sehr ähnlich sind.

Wuchsformen Habitustypen Rose nach Hierke 2

 

Wuchsformen Habitustypen Rose nach Hierke 1

Karel Hiekes „Habitustypen“ der Rose, sechs von neun in Auswahl. Literatur siehe unten.

Ich stelle also erstmal fest, es gibt bei Hieke strauchartig wachsende Sorten, der „Canina“, „Pendulina“ und der „Blanda“-Typ. Aber: Es wird aber anscheinend auch an ihnen geschnitten, oder ich kenne keine, an denen man nicht schneiden müsste. Vielleicht aber irre ich, ein Grund mehr, in Zukunft in Botanischen Gärten noch genauer hinzuschauen! Was ich bisher weiß: Die Ghislaine de Féligonde, die ich vorgestern beschrieben habe, war sehr schön strauchartig gewachsen, aber ihre Stabilität und Form hatte sie durch den Schnitt bekommen. Ich habe nun gewiss nichts Prinzipielles gegen das Schneiden! Viele Rosen wachsen jedoch, ähnlich übrigens der Brombeeren, die ja auch zu den Rosengewächsen gehören, mit lange Trieben, die, je nach Beschaffenheit der Umgebung, kriechen oder klimmen. Hieke nennt diese Art den „Arvensis-Typ“, der wirklich am Boden kriecht. Ähnlich, aber wie eine Beetrose schon aufrechter, der „Pimpinellifolia-Typ“. Was aber macht man mit Trieben, die nur mittelkräftig und biegsam sind? Sie vollziehen zwischen den Trieben auch oft einen leichten Zickzack. Wenn man solche Rosen ohne jegliche Eingriffe natürlich wachsen ließe, würden sie irgendwo kriechen, sich von der Wurzel aus lang in alle Richtungen verteilen und wohl sogar auf die Dauer so eine Art Gespinste bilden, das sich über die alten, abgestorbenen Zweige auftürmt, so, wie bei Brombeeren am Bahndamm. Oder, sie würden teilweise nach oben wachsen, dann beginnen überzuhängen, um bald so eine Art „Strauchgebirge“ zu bilden. Das wäre nicht sehr schön. Ich bin auch sicher, Karel Hieke meinte nicht solche Wuchsformen mit seinen Habitustypen. Auch die buchartigen Sorten trimmt man also anscheinend durch den Schnitt, oft wohl auch, damit sie nicht zu hoch werden und beginnen, auseinander zu fallen. Vielleicht gibt es Ausnahmen, die ich noch nicht kenne, aber in dem Einfluss des Schneidens auf die Wuchsform liegt der Knackpunkt: Man muss Rosen schneiden, um eine Form zu erhalten, die im menschlichen Gestaltungskreis schätzenswert erscheint. Aber es geht  nicht nur um „Schönheit“. Beim Schneiden geht es auch um die materielle Eigenart der Zweige: So gibt es bei den meisten Sorten doch eher weiche Triebe bzw. diese haben einen hohen Anteil an den herauskommenden Trieben. Die sehr kräftigen Triebe wiederum würden viel zu hoch und damit dominant werden, wenn man sie nicht irgendwo schneidet. Man muss daher für die gewünschte Busch-Form eine Statik entwickeln. Man muss, physikalisch ausgedrückt, das Flächenträgheitsmoment der im Material nicht sehr festen Äste und Zweige erhöhen. Das tut man, indem man durch Schnitte oberhalb von gut ausgesuchten Augen oder Trieben Richtungsänderungen provoziert, die zu einer bestimmten gewünschten Form und damit zugleich zu einer besseren Steifigkeit des ganzen Strauches frühen. Dabei entstehen letztlich fast immer recht unruhige Gebilde, betrachtet man ausschließlich die Zweige in ihrer Formstruktur. Darum geht es mir. Das irritiert mich.

Gislaine de Féligonde - Durch Schnitte provozierte Richtungsänderngen

Durch Schnitte provozierte Richtungsänderungen

irgendwie unharmonisches Verhältnis  stabile kräftigen Trieben und bewegliche unruhige

Das in gewisser Hinsicht unharmonische Verhältnis zwischen den starken, stabilen und sehr kräftigen Trieben und den beweglichen, unruhig wachsenden kleinen Trieben

Die voll belaubte oder gar in Blüte stehende Rose hat so viele Attraktionen, dass man vielleicht gar nicht mehr auf die Zweige achtet. Daher ist dies nicht zufällig ein Blogeintrag aus dem Frühling. Ich kann aber im getrimmten Wuchs der Rose, wenn ich mich auf ihn konzentriere, ihre Natur nicht finden. Das ist anders, als bei allen Gehölzen, die ich sonst kenne; so sehr ich bei ihnen auch schneide, sie wachsen doch bald in einer klaren, gradlinig strukturierten Geometrie. Der Baum hat einen Stamm und wächst dann nach Außen, mehr oder weniger horizontal. Der Strauch wächst ähnlich, nur ohne den Stamm, aus einem Punkt am Boden steigen die Äste grundsätzlich strahlenförmig auf und verzweigen sich dann regelmäßig. Bei der Rose erzeuge ich dies, sie wird als Strauch oder als Hochstamm getrimmt. Dafür wird ihre innere Struktur künstlich differenziert und so unruhig.

Immer wieder geschnitten

Jeder Millimeter dieser Rose „Jubilee Du Prince de Monaco“ als Hochstamm ist durch das Schneiden bestimmt. Diese Schnitte bleiben sichtbar, ob durch die Schnittstellen oder durch die Art, wie die Rose nach dem Schnitt wächst.

Das sind Themen, die mich bei der Rose umtreiben. Wie kann man mit der biologisch bedingten Materialität und Geometrie der Rosen generell so umgehen, dass es zu Wuchsformen kommt, die zu meinen anderen, „natürlichen“ Bäumchen und Sträucher passt? Dass der Widerspruch der Geometrien so klein wir möglich ist, vielleicht sogar aufgehoben wird?

Was ist die Natur der Rose? Ich bitte sehr um Wortmeldungen!

Jubilee Du Prince de Monaco im April

Die „Jubilee Du Prince de Monaco“ heute, mit stärkerer Belaubung: Die Struktur spielt bald kaum noch eine Rolle, vergessen kann ich sie nicht.

Genannte Literatur:

Karel Hierke, Praktische Dendrologie, Berlin 1989, Band 2, S. 297 und 302-305.

Siegfried Dannert, Franz Fukarek, Peter Hanelt und andere, Urania Pflanzenreich. Höhere Pflanzen 1, Leipzig, Jena, Berlin 1973, S. 414. (in dem Buch sind die Einteilungen sehr schön genannt: Die Rose gehört zur Ordnung Rosenartige (Rosales), Familie Rosengewächse, Rosaceae, Unterfamilie Rosoidesae, Tribus Roseae.

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6 Gedanken zu “Vom Wuchs der Rosen. Irritationsmomente

  1. Hallo Giorgio,
    ich bin auch nur Rosen-Laie mit nur einer Rose auf dem Balkon, aber wenn ich mir so die Habitusformen und -Namen ansehe, dann beschreiben Sie die Wuchsform der jeweiligen Wildrosen: Rosa blanda, Rosa canina etc. Daher ist der Vergleich mit den Edelrosen nur bedingt möglich. Die werden zwar je nach gewünschter Eigenschaft auf die passende Wildformen veredelt, aber das wars dann auch schon. Und ohne regelmäßigen Schnitt im Frühjahr verlieren die Edel-Rosen ihre Form und/oder blühen nicht mehr so üppig.
    Wenn Du dir eher ’natürliche‘ Rosenformen wünschst, dann schau dich mal bei den Wildrosen um. Da gibt es wunderschöne Sorten. Die kann man mittlerweile auch in Baumschulen kaufen.
    Da ich es auch eher natürlich auf dem Balkon mag, habe ich mir letztes Jahr bei einem Besuch bei Rosen-Kordes in Sparrieshoop die mehrmals blühende Beetrose Fortuna gekauft. Die wächst sehr natürlich als Busch und passt als wurzelechte Rose perfekt in den Kübel.

    Grüne Grüße aus Hamburg,

    Anja

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  2. Liebe Anja,
    ich danke Dir für die sehr konkreten Hinweise. Das ist wahrscheinlich sehr richtig und genau. Ich mache es mal so, dass ich mir in Zukunft mal ein Paar Wildrosen in Botanische Gärten in Baumschulen etc. anschaue, um eine Vorstellung von Dem Wuchs zu bekommen. Ich muss mich da wirklich erst einsehen. Wie gesagt, meine Frau wollte Rosen, und vorher wäre ich da nie drauf gekommen, aber nun bin ich ziemlich froh, aber muss bestimmte Widerstände überwinden. Danke Dir, dass Du mir die sachliche Richtung dazu weist. Bin gespannt, was andere noch meinen.
    Herzlich Giorgio.

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  3. Hallo Giorgio,
    zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich im letzten Jahr an eine Rose gewagt (die allerdings nicht auf dem Balkon steht – dieser Sonnenplatz gehört den Tomaten). Vielmehr an eine Rambler-Rose ‘Alchymist®’ – wobei ich ganz ehrlich noch gar nicht weiß, wie ich die Dame „bei Laune halten“ soll… Zumindest eines weiß ich genau: Sie benötigt dringend ein Spalier, damit ich sie bald aufbinden kann. Allerdings wird der einzelne Herr mir vorerst keines selber bauen brauchen (Dein selbstgebautes Exemplar ist wirklich super – auch ohne eine hilfreiche Anleitung 😉 ) – ich werde auf das alte, bereits vorhandene Balkon-Spalier zurückgreifen. Das wird eh nicht mehr benötigt, weil die Clematis dort schon seit vielen Jahren nicht mehr weilt…
    Ich bin gespannt, wie Dein Balkongarten im Sommer aussieht 🙂
    Viele Grüße, Carola

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  4. Hallo, schön, wieder ein längerer Kommentar! Das freut mich immer.
    Ja, die Alchymist habe ich in der Baumschule auch schon mal fast im Wagen gehabt, mich dann aber doch für die Ghislaine de Féligonde im Versand entschieden! Ich habe sie auf dem Balkon Sie hat sich inzwischen super gut gemacht! Wie gehen Sie denn damit um, dass die Rose so besonders wächst?
    Ich freue mich doch auch sehr darüber, dass mein Klettergerüst gut ankommt, an das sie waschen wird, obwohl es ja auch etwas schief und krumm ist zum Teil.
    Herzlich, Giorgio

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  5. MIt der Rose habe ich nichts besonderes angestellt 🙂 Im Winter habe ich sie angehäufelt – ansonsten ab und an mal ein wenig Dünger. Mehr Beachtung schenke ich der Rose nicht. Da ich sie erst im letzten Herbst gepflanzt habe, kann ich jetzt noch nicht absehen, ob ihr das an Pflege genügt. Da lasse ich mich überraschen.
    Als Begleitpflanzen habe ich Bergenien (zwei unterschiedliche Sorten) gewählt. Die wachsen nicht hoch und sind optisch keine Konkurrenz.
    Bisher ist die Rose gut gewachsen, sodass ich das Spalier (gekauft, da mir die Zeit für den Selbstbau fehlte) zügig anbringen musste. Inzwischen sind die Triebe aufgebunden und wachsen ordentlich. Ich hoffe, dass sie noch in diesem Jahr blüht. Wie gesagt, es ist meine erste Rose. Wenn alles gut klappt und sich das Exemplar gut macht, ist es durchaus möglich, dass ich hier und da „aufrüste“ 🙂

    Viele Grüße und einen schönen Pfingstmontag, Carola

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