Mein Unkraut! ´s ist doch liebes Beikraut!

„Warum Unkraut ausreißen?“ in verschiedenen Kombinationen formuliert und variiert, gibt bei der Internet-Recherche im Englischen und Deutschen keine Treffer zum Thema! Stattdessen findet man viele Treffer zu Anleitungen, Geräten, sogar Giften gegen Unkraut. Über das „Warum“ macht man sich offenbar weniger Gedanken, als über das wie. Ich vermute: Gewohnheitsmäßig, man hat es immer schon so gemacht und zieht Unkrautvernichtung als Lebenseinstellung vor.

Heute möchte ich es umdrehen, das „warum“ also wichtiger sehen als das „wie“, um so zu einer Antwort zu kommen, was man mit dem Unkraut nun machen soll.Storchschnabel als Spontanvegitation wertvoll

Storchschnabel hat sich spontan als Beikraut eingestellt – sofort ausreißen?

„Unkraute“ sind ja erst einmal Pflanzen, die spontan und zusätzlich zu den Kulturpflanzen wachsen, welche wir bewusst anpflanzen. Die Kulturpflanzen sollen gut wachsen, wir züchten oder kaufen sie dazu speziell und schaffen für sie die idealen Bedingungen, wir pflegen sie. In diesem Sinne ist dann Unkraut ein unaufgefordert wachsendes „Beikraut“, ein „Beiwuchs“ zu den Kulturpflanzen, der als „Spontanvegetation“ sich einstellt und wächst. Bleiben wir bei diesen drei Begriffen, entspannt und neutralisiert sich die Sicht auf diese Pflanzen. Nennen wir es aber „Unkraut“, so definieren wir: Was wir beim Gärtnern nicht unmittelbar wollen, soll weg! Wir wollen die Natur gänzlich kontrollieren, alles geplant wachsen haben, und jede Natürlichkeit scheint uns gleich Unordnung zu sein!

Sachliche Begründungen für das Entfernen von Beikraut habe ich in den Texten eher beiläufig begleitend gefunden. Beikraut kann mit den Kulturpflanzen um Licht, Wasser und Nahrung konkurrieren (so der „Brockhaus“). Das mag in der kommerziellen Landwirtschaft oder bei bestimmten, empfindlichen Pflanzen auch im Garten als Definition eines Problems, das der Lösung bedarf, zutreffen. Insbesondere im Balkongarten ist das Problem des konkurrierenden „Abzweigens“ tendenziell eher marginal. Zudem gibt es gerade hier auch beachtliche Vorteile eines Beiwuchses zu erwägen.Spontaneität neben Geplantheit!

Spontaneität und Geplantheit!

Wo `findet Beikraut eigentlich statt´? Auf der Erdoberfläche und darunter.

Die Erdoberfläche des Topfes stellt dabei ein vielfältigeres und grundsätzliches Problem dar. Man möchte dafür sorgen, dass auf der Oberfläche die Feuchtigkeit sich halten kann, dass diese nicht gänzlich oder zu schnell austrocknet. Das furchtbarste, was man dagegen machen kann, ist, die Oberfläche mit einem homogenen Material abzudecken, um jeden anderen Bewuchs von vorneherein auszuschließen. So etwa mit Rindenmulche, mit Steinchen, mit Grasschnitt oder gar mit Plastikfließ. Das sieht einfach steril aus, dies Mittel kommt aus dem Barockgarten, wo Beete als Ornamente aufgefasst wurden. Da gehört das auch hin, in den historischen Barockgarten, dort schützen wir es als Kulturgut. Aber nicht in unseren heutigen Gärten, wo wir auch eine Verantwortung dafür haben, die Erdoberfläche ihren natürlichen Funktionen nur so wenig wie möglich zu entreißen. Daher bemühe ich mich immer, die Oberfläche der Töpfe vielleicht mit etwas Laub abzudecken, vor allem aber, dass sie mit Vegetativem bewachsen wird: Moose, Farne, Gras, kleinblättrige Pflanzen oder sogenannte „Bodendecker“. Das ist gar nicht so leicht, zugegeben. Moos etwa über lange Zeit zu kultivieren, ist kaum steuerbar. Gute, natürliche Baumschulen, wie die Späth-Baumschule in Berlin, haben manchmal auf den Erdoberflächen Moos drauf. Ich wollte immer fragen, wie die das machen. Also, um einen regelmäßigen Bewuchs auf der Oberfläche der Erde im Topf zu erreichen, versuche ich doch sehr Vieles. Wenn sich ein Bewuchs aber einfach spontan als „Beikraut“ zur Bodenabdeckung einstellt, dann freue ich mich doch eher!Vogelmiere wächst zusäthlich zum bewussten Bodendecker

Waldsteinie und Wisteria bewusst als Bodendecker gepflanzt; Vogelmiere spontan gekommen, die Erdoberfläche mit vorjährigem Laub abgedeckt.

Und wie ist es unter der Erdoberfläche? Da herrscht wohl die größte Angst, Beikraut könne Nahrung und Wasser wegnehmen. Nun ist es aber so, dass man einen Blumentopf oder eine Pflanzkiste ständig gießt und düngt! Auf der Oberfläche der Erde und etwas darunter kommen permanent sehr viel Wasser und sehr viele Nährstoffe an. Es kann gar nichts schaden, wenn die Wurzeln des Beikrauts das Wasser etwas verteilen und binden, während sie wenig davon auch aufnehmen, und den in diesem Bereich oft noch etwas scharf dosierten Dünger abbekommen und ebenso verteilen und verdünnen. Daher ist es faktisch überspitzt grundsätzlich zu glauben, Beikraut („Unkraut“) nähme den Kulturpflanzen hier zu viel hinfort. Nur Beikraut mit Pfahlwurzeln oder dichtem Wurzelgeflecht kann ein Problem sein.

So entspannt sich die vermeidliche Problematik, was man mit dem Beikraut machen soll: Nur bestimmte Kräuter können eventuell zu viel werden, zu groß, zu aggressive Wurzeln, oder sie sind einfach stärker, als andere Pflanzen, und drohen daher, die anderen zu verdrängen und so eine Monokultur, von nur einem einzelnen Beikraut, zu schaffen. Solches kann insbesondere bei Vogelmiere, Giersch und Brennnesseln passieren. Dann wird man im Sinne der gewünschten Biodiversität das Beikraut wohl deutlich einschränken oder sogar einmal ganz entfernen. Selektiv, eine Sorte, wenn es einen guten Grund gibt, dann macht man es. Daher ist Beikraut keine Frage der Qualität (ob es überhaupt da ist), sondern der Quantität (ob es Zuviel ist).Zuviel Beikraut?

 

Vielleicht zu viel? Die außen stehende, später gelb blühende Spontan-Pflanze nimmt dem Majoran etwas die Sonne weg und sie wurzelt tief. Vielleicht wirklich ein Fall fürs Ausreißen! Bisher aber noch nicht geschehen.

Auf dem Balkon und im normalen zur Schönheit angepflanzten Garten ist eine grundsätzliche Unkrautvernichtung nicht richtig. Denn diese Pflanzen haben auch Vorteile. Sie stellen sich vollkommen ohne Aufwand ein und jede bringt ihre Eigenarten mit, die für mehr Grün, oft ungewöhnliche Blüten und Gerüche sowie begleitende Insekten sorgt.

Schaut man auf den kulturellen Hintergrund der ganzen Frage, würde ich das so formulieren: Wir wollen als Menschen unsere Gärten aktiv gestalten. Die Natur gestaltet jedoch auch mit, sie steht immer neben uns und sagt: „Na, liebe Gärtnerin, lieber Gärtner, wie wäre es denn da noch mit etwas anderem, hier, das kennst Du wohl noch gar nicht, schau, wie schön es wächst!“ Wir aber haben da auch unseren eigenen Kopf, wählen als Gartengestalter konsequent bewusst aus, welche Pflanzen wir in einem Kontext wachsen lassen wollen. Diese nennen wir „Kulturpflanzen“. Wir definieren sie funktionell darüber, ob sie schön (Zierpflanzen) oder nützlich sind (Nutzpflanzen). Das hat Berechtigung, wir gestalten unsere Umwelt geplant und bewusst, weil uns das als Menschen ausmacht, geplant und bewusst zu handeln. Die sehr konkrete Anordnung in einem Garten oder Balkongarten ist im Ergebnis unser Werk! Das Beikraut hingegen kommt da hinzu, es ist ein natürlicher Vorgang, er entspricht dem, was in der Natur geschieht, und was wir nicht gestalten: Samen werden überall verteilt, und sie gedeihen dort, wo sie gute Bedingungen finden. Es scheint besser, diesen Vorgang erst einmal allgemein zu akzeptieren, da wir ihn oft nur mit viel Gewalt beseitigen können. Da wir mit dem Garten ja in die Natur heraus gehen – der Natur verdanken wir ja unsere Gestaltungsmöglichkeit mit Kulturpflanzen – sollen wir statt allzu viel Gewalt lieber diesen Faktor beherzigen: „Ja, liebe Natur, dann mal her damit, Du hast, Recht, das wächst sehr schön, und Du hast es heute wieder geschafft, mich wirklich zu überraschen!“, und dann entschuldigend: „Wenn ich es aber mal irgendwo etwas ausdünnen muss, bitte nimm es mir dann nicht übel, ich kann ja nicht anders!“

Die Natur gab uns die Kulturpflanzen, und den Boden, auf dem sie wachsen. So wie man kein Haus bauen kann, das am Himmel befestigt ist, sondern es muss auf dem Boden stehen. So muss auch Beikraut auf dem Boden sein, den wir bearbeiten. Nur dann, wenn wir ganz sicher sein können, dass das Beikraut unsere Gestaltung, unser Werk gänzlich zunichte machen wird, dann können wir das Beikraut wohl ausreißen. Nur bei „Gefahr im Verzug“ wenden wir Gewalt an.
Sehr viel Beikraut

Wunderbare Beikraut-Vielfalt!

Literatur-Ergänzung: Wikipedia zu dem Begriffsproblem: Im Zuge der Umweltbewegung in den 1980er Jahren wurde gefordert, den Begriff „Unkraut“ durch „Wildkraut“ zu ersetzen. „Wildkraut“ wird jedoch schon zur Bezeichnung wildlebender essbarer krautiger Pflanzen verwendet, sodass sich diese Forderung nicht durchsetzen konnte. Alternativ wird heute häufig von Beikraut oder Kulturpflanzenbegleitern gesprochen, wenn im eigentlichen Sinne unerwünschte Pflanzen (also Unkraut) gemeint sind. In der Forstwirtschaft ist der Begriff Begleitwuchs gebräuchlich, da sowohl negative wie auch positive Begleiteffekte erwartet werden können.

Und der „Brockhaus“ von 2006, gibt immerhin zu bedenken: „U. verhindern jedoch auch Bodenerosion in Hanglagen, beschatten den Boden und sind als Wildpflanzen wichtige Genreservoire, die in Hinblick auf zukünftige Nutzungsmöglichkeiten nicht ausgerottet werden dürfen. Zu den U. zählen ferner zahlreiche Ruderalpflanzen.“

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21 Gedanken zu “Mein Unkraut! ´s ist doch liebes Beikraut!

  1. Das ist ja eine „Ode ans Unkraut“ 🙂 Gefällt mir sehr und ich kann mich dem nur anschließen. Außerdem finde ich es immer rasend interessant, was sich so ausbreitet. Ich hatte mal eine Nelkenwurz, deren Wurzeln man früher z.B. gegen Zahnschmerzen verwendete. Eine Heilpflanze also. Ist doch toll. Leider ist sie wieder so gut wie verschwunden, weil sich im Laufe der Zeit in dem Topf immer wieder andere Pflanzen ausgebreitet haben.
    Da ich einen Hang zum Vielgießen habe, habe ich auch einige Töpfe mit entsprechender Moosschicht. Das ging von ganz allein (als Moosliebhaber ziehe ich gerade welches – ich liebe es einfach, diese grünen „Kissen“). Mulch und Kies finde ich auch furchtbar ! Geht gar nicht, aber leider sieht man es immer wieder.

    Ich hatte letztes Jahr in der Stadt in einer neu gepflasterten Straße „Pflanzeninseln“ in bereits angelegten Aussparungen entdeckt, die jemand mit Blumen bepflanzt hatte. Jetzt stehen dort Bäume (immerhin) und darunter: eine Mulchschicht……………aaaahhhh !! Es muß wohl wieder gespart werden. Erfreulich an der Straße ist immerhin, daß dort viele Anwohner die übrigen Baumscheiben bepflanzen.

    Schön geschrieben (und bebildert), dein Text !!

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    1. Hallo zusammen!!! Ich freue mich sehr!!! ❤ Dein Beitrag, Giorgio, ist Musik in meinen Ohren. Ich bin eine passionierte Unkraut-Liebhaberin!!! Almuth von Pflanzwas, weiß es. Ich habe einen Kleingarten und muss mich für jedes Pflänzlein, dass nicht dem Bild der Alteingesessenen entspricht, rechtfertigen. Das nervte mich so, dass ich anfing es aufzuschreiben. Und so entstand mein Blog. 🙂
      Und ich kenne alle Pflanzen beim Namen, auch mein Unkraut!!
      Welches ich mit Herzblut verteidige!!
      Schön, dass es noch mehr anders denkende Menschen gibt.

      Grüne Grüße aus dem
      Unkrautgarten.wordpress.com sendet
      MION

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      1. Ja, dieses unangenehme Gefühl, dass man sich rechtfertigen muss – oder sogar faktisch zur Rechtfertigung gezwungen wird, wenn man Beikraut stehen lässt, kenne auch ich nur zur Genüge. Vielleicht auch bald im Scherbergarten (ich habe mich nämlich darauf beworben). Wenn Du die Namen kennst, ist das natürlich eine super Voraussetzung, denn dann kannst Du ja wirklich begründen, was das ist und warum es stehen bleibt. Klasse.

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        1. Überlege dir das Gut Mut dem Schrebergarten. Wenn du privat was bekommst hast deine Ruhe. Ich habe leider, schon zu viel Herzblut in meinen Garten gesteckt, dass ich den Spott, mit Würde, ertrage!!
          Woher kennst du es zu genüge?

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        2. Zur Genüge: Eher ein Gefühl. Gebe ich zu. Direkt gesagt hat noch nie jemand was. Aber, ich kenne die spießige Zeit der 1970er noch gut, wo die Gärten mit Chemie auf Artenarmut getrimmt waren. Und wo mein Vater mit seinem Garten manchmal Verachtung erntete. Daher kommt wohl das Gefühl, auch, wenn ich mich an keine Situation mehr erinnere.

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    1. Stockrose? Das wäre ja phantastisch! Ich habe schon oft versucht, sie auszusähen, einfach, durch Samen verstreuen. Bisher aber ohne Erfolg. Vielleicht hat es nun ja geklappt? Allerdings, wenn es das ist, müsste ich sie wohl doch irgendwie umpflanzen, weil, sie wächst ja direkt beim Stammansatz der roten Johannisbeere, das ist doch wohl für beide, für Eibisch und Johannisbeere, nicht so gut, oder?

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      1. Sie ist nur zweijährig. D.h. erst bildet sie Blattwerk und im zweiten Jahr blüht sie. Sind die Blätter aus dem letzten Sommer? Dann wird sie dieses Jahr blühen um sich dann wieder zu versamen.

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    1. Nee muss Stockrose sein. Hab gerade um Garten mit Fotografie daneben verglichen! Glückwunsch!!! Wenn du sie umsetzt dann jetzt. An nächste Woche wird es ein wenig wärmer, dann wächst sie schlechter an. Es kann auch sein dass sie dann erst nächstes Jahr blüht, weil sie sich erst an den neuen Standort gewöhnen muss. Und falls Sie dann Malvenrost (sie gehört ja zu den Malvengewächsen) dann nimm Moossud. Ich poste dir den Link zum Rezept.

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