Saatgut für Lebensvielfalt. Fortsetzung zum Sommerfest in Greiffenberg.

Auf dem Wege zum Sommerfest, entlang der Breiten Straße / Burgstraße als einer Verbindungsstraße zwischen dem Zentrum Greiffenbergs und dem alten Gutshaus der von Redern am „Unterhof“, stehen eine Reihe wunderschöner Häuser, leider teilweise gefühllos verplastikfenstert, vielfach aber auch entweder aus sich selbst heraus schön – also leerstehend –, oder angemessen saniert. Hier leiten – nomen est omen – einige Details zum Schaugarten des Vereins zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg e.V. hin.Entweder oder

An diesem Haus etwa ein ungewöhnliches Zinkwort, auf schönem alten Putz, der hoffentlich nicht einmal mit schnöder Binder-Fassadenfarbe überstrichen wird, erinnert an das lateinische „aut – aut“, zu deutsch „entweder- oder“, als ein Kernproblem: Entweder, man erkennt an, dass die Erhaltung von Sortendiversität Grundlage unseres Lebens ist, oder aber man ignoriert es aus Bequemlichkeit bwz. aus Interessen heraus. Das 2014 zunächst von klugen EU-Kommissaren abgelehnte – und damit vorläufig abgewendete – Saatgut-Gesetz hätte Vereine und selbst Kleingärtner zu kriminellen gemacht, die Samen alter Sorten auch nur über den Gartenzaun verschenkt hätten, geschweige denn, vertrieben.

Die, die diese Gesetze vorantreiben, wollen „nicht zugelassene“ Samen quasi verbieten lassen, was den Produzenten großer Samenquantitäten Monopolstellungen sichern könnte, die genetische Diversität aber reduzieren und vereinheitlichen würde. Hier allerdings stellt sich die Frage, ob es da ein Entweder – Oder überhaupt gibt, ob also die Samenindustrie wirklich die Notwendigkeit verspürt, mit Gesetzen sogar denen zu schaden, die einen winzig kleinen und kaum kommerziellen Markt bedienen, denn es geht den großen Samen-Erzeugern doch um das große Saatgutgeschäft! Ein kluges Saatgutverkehrsgesetz könnte beide Interessen sicher miteinander in Einklang bringen, so, wie inzwischen die Massenproduktion von Lebensmitteln mit dem ökologischen Landbau koexistieren, während der Ökoanbau Wege und Alternativen auch für die Lebensmittelindustrie anzeigt – die inzwischen sogar ökonomisch interessant sind.alles geht inneinander
Dieses schöne, und nicht durch 0815 Plastikprofile oder Glanzlack verbrämte Schau-Fenster zeigt nicht nur mit dem fries-artigen Holzornament oben, das alles mit allem zusammen hängt und wirkt, sondern dies Thema, auch mit Braun, klingt ebenso in der sonderbar reizvollen 70er-Jahre-Gardiene an. Fruchtfolgen, Tomaten und Äpfel, wag´ ich im Holzfries zu sehen. Und, in der Gardine, auch das ständige Gegenspiel zwischen der durchaus unser Leben unterstützenden, sichernden und vereinfachenden Gleichform der industriellen Produktion (in Gestalt des Fadenrasters im Hintergrund), aber damit verwoben auch die notwendige Vielfalt der Biologie und des entropischen Menschenlebens in Form der kurvig laufenden Wollfäden in weiß und Braun.
Tomate Kro EierIn diesem Sinne, der lebendigen Vielfalt, haben es mir natürlich nach wie vor die Tomaten angetan, hier eine einfach allerliebst wunderschöne Sorte, die „Kro Eier“, mit all ihren Reifezuständen und dem damit verbundenen Farbenspiel.

Schmecken tun die auch! Auf dem Sommerfest gab es eine Verkostung von gut 10 alten Tomatensorten, die nicht nur eine Aromavielfalt offenbarte, sondern auch die unterschiedlichen Tomatenfleisch Varianten: Ich aß eine Sorte, die fast mehliges Fleisch hatte, aber so leicht angehaucht mehlig, dass es gerade zusammen mit der kräftigen, und beim Kauen einen Gutteil des Hauptaromas dieser Tomate frei gebenden Schale ein völlig neuartiges Geschmackserlebnis darstellte. Soetwas erlebt man gerade mit Tomaten.Pomidor Bycze Serce
Hier noch grün eine weitere sehr schöne und wohlschmeckende Sorte mit einem Polnischen Namen, „Pomidor Bycze Serce“, zu Deutsch nichts andres als „Tomate Ochsen-Herz“!
Pomidor Bycze Serce VerkostungSo bunt sieht sie aus, bevor die vermehrten Samen entnommen werden um das Fruchtfleisch dann zu verkosten.
Albansiche Reisetomate ReifegradeUnd hier eine Albanische Reisetomate. Dass Reisetomaten es mir angetan haben, ist ja bekannt. Aber, es ist auch eine seltsame Mär um diese Sorte. Auf dem Schild dieser stand zur Erläuterung: „Buschtomate, geteilte Früchte; ähnlich der Reisetomate“. Ja was denn, ist das nun eine Reisetomate oder nicht??? Aut, aut! Ich würde erstmal aus dem Bauch heraus sagen: Nein! Klar ist das KEINE! Viel zu regelmäßig, viel zu wenig klar geteilt. Das sieht man doch schon an der Blüte, dass die nicht aus mehreren, ineinander verwobenen Teilen besteht! Nein, hier hat der VERN wohl unvermeidlich einen irreführenden Namen übernehmen müssen, was ja bei der Benennung von Tomaten nicht gerade eine Seltenheit ist. Nur leider habe ich den Unterschied gar nicht gleich bemerkt, als ich Tomatensamen einer Reisetomate kaufte,Samen vom VERN

war mir gar nicht sogleich aufgefallen, dass es ja nun nicht diese Albanische ist. Da hätte ich ja gerne nachgefragt. Aber, richtig ist es doch gelaufen, da ich ja dann anscheinend wirklich eine Reisetomate habe, nicht diese „Albanische Reisetomate“, die nur den Namen trägt.

Aber, schön ist die Albanische Tomate dennoch!
Stab-Obsttomate aus Taywan coolSo, wie diese, eine Stab-Obsttomate aus Taiwan. Da sind viele kleine Früchte dran, die so ein räumliches Gebilde aus Oval-Formen erzeugen, dass man sich drin bewegt, wie in einem Sonnensystem.

Dieser traubenförmige Wuchs erinnerte mich an die Tomate, die bei mir gewachsen ist, und die beim Kauf gegen Spende am Eingang des Arboretums in Berlin fälschlich als Reisetomate bezeichnet war. Wer die wohl gezogen hat, ich konnte es leider auch in Greiffenberg nicht heraus finden. Ich hatte eine meiner Trauben mitgenommen. Man nahm dort aber an, dass es sich bei meiner Wildtomate nicht um einen Samen handelte, bei dem etwas eingekreuzt wurde, sondern dass da schlicht Samen verwechselt worden sind. Denn, meine kleinen Kugeln haben nun gar nichts mit der Reisetomate gemein! Bestimmen konnte meine Tomate leider niemand.

Stabtomate Anna RuskayaStabtomate Anna Ruskaya, sehr groß, ich wollte keinen Maßstab auf das Bild bringen, da das nicht schön aussieht, aber: Man vergleiche nur die Blätter.

Was das züchterische Auswählen von Samen angeht, habe ich noch eines gelernt: Man nimmt von Tomaten, deren Samen man vergären möchte, die ersten ausreifenden und kräftigen Früchte einer Saison. Man möchte damit beeinflussen, dass möglichst früh reifende Tomaten durch mehrjährige Auswahl zustande kommen. Ich frage mich, ob das nicht eine Illusion ist, ist es nicht einfach logisch, dass manche Blüten früh kommen, weiter unten am Stamm, noch bevor der viel wächst? Aber, zumindest ist das Prinzip daran klar; nach jahrelanger Zuchterfahrung kann man solche Dinge gewiss besser einschätzen, als ich nun.
Samenvielfalt und SonnenschutzDerweil wurde es in Greiffenberg immer heißer, wogegen auch dies bunt arrangierte Blumenhandtuch nichts mehr verrichten konnte, auch kurze, heftige Gewitter zogen einfach vorüber, so fuhren wir glücklich, aber auch mit Sonnenbrand zurück nach Berlin.Balkenbrücke Bridge bei Bernau
Hindurch unter der Schönsten Balkenbrücke Deutschlands, die über die Autobahn A11 kurz vor der Ausfahrt Bernau-Süd spannt. Seit in der FAZ einmal ein Schmäh-Artikel zu den Balkenbrücken der Bundesbahn erschien, fällt mir immer wieder auf, wie schön Balkenbrücken sein können. Die FAZ hat bei mir das Gegenteil bewirkt, und diese Eisenbahnbrücke, mit ihren klaren, statisch relevanten Stahl-Kompartimenten dynamisch schräg über die Fahrbahn geführt, ist für mich das Tor nach Berlin, wenn man von Norden kommt.

(Dies war der Teil 2 zum Sommerfest, Teil 1 ist hier)

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2 Gedanken zu “Saatgut für Lebensvielfalt. Fortsetzung zum Sommerfest in Greiffenberg.

  1. Ein rundum schöner Bericht und die Tomaten sind ja fantastisch !! Was für Farben und Formen. Toll !! Da möchte man doch gleich reinbeißen 🙂 – Was du da erwähnst mit dem Saatgutgesetz: das ist doch immer noch nicht vom Tisch, oder ? Ich hörte kürzlich davon in einem Bericht, wonach solche kleinen Vereine ihre Sorten für teuer Geld beim Bundessortenamt anmelden müßten, wenn das Gesetz durchgeht. Oder ist es das sogar schon ? Kann auf die schnelle nichts finden. Wie du sagst: wem machen diese kleinen Vereine oder Einzelkämpfer Konkurrenz ? Das ist doch verrückt ! Ja, da gehen manchmal aberwitzige Sachen ab, die nicht nachvollziehbar sind und mit denen sich die Menschen womöglich ins eigene Fleisch schneiden oder besser gesagt, den eigenen Ast absägen (Thema Artenarmut und Monokultur). Immerhin trägst du schon zur Artenvielfalt bei 🙂

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  2. Hallo, ja, ich schwanke auch sehr. Ich habe gestern den Fernsehbericht über das Insektensterben gesehen, den Du verlinkt hattest. Gräslich. Dann habe ich aber heute im Tiergarten in Berlin auf der Wiese gelegen, und schon da 15 (!) Insektensorten in 15 Minuten gezählt, und mich irgendwie beruhigt.
    Ich freue mich sehr, dass Du den Bericht gelesen hast, denn: Das war sauviel Arbeit, und, kaum jemand hat den Bericht gelesen. Ich habe damals eine Mail an den VERN geschrieben, dass ich über sie schreibe, und, dass sie gerne ergänzen dürfen. Aber, die Schnösel haben nicht einmal geantwortet. Brauchen wohl niemanden nicht.

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