Skenographia. Die räumlich ansprechende Komposition der Pflanzen auf dem Balkon

Gehen wir mal davon aus, dass ein Balkon im Grunde ein Landschaftspark en miniature ist. Ein Landschaftsparkbalkon. Dann Bedeutet es insbesondere, dass die Pflanzen in eine Anordnung gebracht werden sollten, die komponierte Blicke bietet.
Skenographia Bühnenbild auf dem Balkon
Was davon finden wir hier? Die Kompositionsmittel der Rahmung und der Staffelung sind verbunden, wobei der Blickpunkt allerdings noch fehlt, was verschiedene Gründe hat.
Zunächst aber zur Rahmung. Rahmungen kann man ja in einer Blickrichtung nicht nur durch einen wirklichen Bildrahmen oder die Auswahl der Photoperspektive erreichen. Man bewirkt eine Rahmung auch durch die Anordnung von Horizontalen und Vertikalen um einen Blick herum, man rahmt die Tiefe des Raumes!
Farbige thematische Zeichnung
Hier eine thematisch kolorierte Ansicht der Situation: Die Rahmung (grün) wird auf der linken Seite gegeben durch den Hibiskus mit seinem hohen Stamm und seiner zur Mitte zudem überhängenden Krone. Auf der rechten Seite antwortet dem die Vertikale des rankenden Geißblatts. Links im Bild führen zudem die Blumentöpfe auf dem Regalbrett auf die Komposition zu (Violett). Ähnlich wie die schräg verlaufenden Raketenstäbe, an denen die Klematis rankt, das Auge zur Bildmitte hin führen (Blau).
Dann gibt es links eine Stufenartige Anordnung dreier Rosen (Orange und Brauntöne). Durch das Ansteigen breiten sie sich vor dem Auge dessen, der von leicht erhöhtem Standort aus schaut, aus. Die stufenartige Form unterstützt die Wahrnehmung der Tiefe des Raumes an der Stelle. Die Stufung betont die Tiefe in einer Weise, dass es deutlicher wird, denn die tatsächliche Tiefe ist hier ja nicht so groß.
Rechts wird der Komposition der drei kleineren Rosen eine sehr üppig blühende, große und weiße Rose (Rose Prague ™ Castle ® Poulcas043(N)) mit großen Blüten antworten (Rot).

Den Höhepunkt der Komposition sollte eigentlich in Bildmitte und recht weit hinten der Cornus Kuosa mit seinen weißen, blattartigen Blühten bilden. Ich hatte gehofft, er würde dieses (zweite) Jahr auf meinem Balkon blühen. Aber, er ist irgendwie anscheinend erkrankt, ich habe das Problem noch  nicht verstanden und warte noch etwas ab. Daher aber gibt es zurzeit noch keinen Mittelpunkt der Komposition.
Wohlfühlecke
Vom Fenster aus kann man gut sehen, was eine mäßige von einer guten Komposition unterscheidet. So wie hierüber sah es aus, bevor ich den großen Hibiskus zu einem Teil der Komposition gemacht habe. Links steht nur ein kleiner Hibiskus. Von der räumlichen Anordnung wirkte alles sehr ebenmäßig, außer der steigenden Treppe vom Regalbrett zur Brüstung. Nett, aber nicht aufregend.
Akzentuierte Wohlfühlecke
Nachdem ich nun den großen Hibiskus links aufgeständert habe, gibt er einen Akzent in die Komposition. Schon dass die Gruppe nun aus etwas Großem und vielen kleinen Pflanzen besteht, macht die Komposition spannender. Aber auch aus dieser Fensterperspektive rahmt der Hibiskus mit seiner überhängenden Krone gemeinsam mit der Klematis die Komposition. Man schaut, bei diesem Blickwinkel, aus einem Fenster (das ja auch eine Rahmung gibt) in einen weiteren, durch Pflanzen geformten Rahmen! Ganz ideal!
Blickpunkt in dem Rahmen ist das sehr frische junge Grün der Schwarzen Johannisbeere. Und bald wird ein höhepunktbetonter Blickpunkt hier aufblühen: Die Happy Generation (Tulpe) im Topf der Johannisbeere hat schon ihre Blühte entwickelt, die aber noch grün ist und in vielleicht 10 Tagen Rotweiß werden wird und sich dann öffnet.
Zudem ergänzt nun der kleinere Hibiskus die Komposition, indem er als kleinerer Vertreter derselben Pflanzenart von außen her zur höheren Form des großen Hibiskus hinleitet.

Bei diesen Anordnungen spielt entscheidend die räumliche Verteilung eine Rolle. Skenograhia ist ein Wort aus der griechischen Antike, und es meint die Komposition einer Blickfolge, etwa beim Betreten eines heiligen Bezirks (Temenos). So, wie man auf dem Burgberg von Pergamon beim Eintreten in den Bereich des Großen Altars gleich auf die Zeus und Athena-Gruppe schaute. Senographia ist aber auch ein interessantes Wort, denn σκηνή bedeutet auch Bühne, und daher könnte man aus Skeno-graphia, Bühnen-zeichnen, genauer Bühnenbildnern machen. Also, das Komponieren eines klar abgegrenzten Bereiches. Durch Objekte. Objekte im Raum. Landschaftsparks sind insbesondere Raumkunstwerke!
Steingarten Wohlfühlecke
Allerdings sehr dynamische Raumkunstwerke. Farben und lebendige Pflanzen kommen als Elemente mit hinzu! So ist mir noch gar nicht so oft aufgefallen, wie stark für eine Komposition der Aspekt des Abstimmens der Pflanzen miteinander ist. Ich mache das eher intuitiv, aber hierüber, finde ich, ist eine besonders geglückte Komposition gelungen. Ginster, Brombeeren und Thymian als eher Trockenlandschafts-Pflanzen ergänzen sich ideal miteinander. Sehr frisches Blattwerk, wie das der Tulpe, führt den kompositorisch erfreulichen  Akzent ein. Und das sehr kräftig rote Blattwerk der straken Buschrose vom Pendulina-Typ passt sich ein, da die (vom Kauf auf dem Berliner Staudenmarkt noch vorhandene) rötlichbraune Mulche auf dem Boden des Ginster sowie die roten Töpfe darauf antworten.

AN Kompositionen auf dem Balkon arbeitet man sehr lange. Ständig muss man schauen, ob es passt, und, wenn die Pflanzen weiter wachsen, dann geht alles wieder von Vorne los. Aber, der Moment, in dem man eine gute Komposition erreicht hat, ist einfach großartig. Dafür lohnt es sich. Und eine starke Komposition, wie die erstgezeigte, kann auch länger halten und wirksam sein, wenn man die Entwicklungen immer darein einpasst.
… mal sehen, ob mir das gelingt!

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9 Gedanken zu “Skenographia. Die räumlich ansprechende Komposition der Pflanzen auf dem Balkon

  1. Hört sich sehr kompliziert an. Dein Balkon kommt mir so riesig vor. Sicher, dass du nicht im Tempel wohnst bei Zeus und Athena?
    Ich werde mir ein paar Vorschläge zum Bühnenbilden merken und meinen Balkon versuchen danach auszurichten, wenn es Platztechnisch geht.
    Grüne Grüße Mion

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    1. Danke Dir, schön, dass es Dir Spaß macht, auch mit Athene!

      Das mein Balkon für andere so groß wirkt (während ich ihn ja kenne und daher einfach weiß, wie klein er ist) liegt auch daran, dass ich meist ein 17er Objektiv verwende. Also sehr weitwinklig. Das habe ich beruflich angeschafft, sonst hätte ich sowas auch nicht für den Balkon. Ich finde es nun einfach sehr praktisch und habe mich daran einfach gewöhnt. Nur muss man diese technische Voraussetzung wohl bedenken, da habe ich noch nie dran gedacht. Ist halt der Zeus-Adler-Blick!
      Gioriog

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      1. *lach* Dann ist ja gut, dass ich da mal nachgeharkt habe. Ich sollte für meinen Balkon auch so einen Blick bekommen…bin eben lieber im Garten. Aber ein Blick auf grünen Balkon hab ich gerne. Ausgiebiges Frühstück geht nicht, weil kein Platz für eine Tisch ist.
        Naja, dann eben alles in den Kleingarten schleppen…da kann ich meine Flügel ausbreiten. 😉

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  2. Interessante Blicke, die du da geschaffen hast ! Ich bin gespannt, wie es aussehen wird, wenn alles in üppigem Grün und in Blüte steht ? Das wird die Wirkung vielleicht noch mal verändern ? Deine Skizze gefällt mir auch sehr gut. So bin ich da noch nie rangegangen. Die Ideen finde ich interessant.
    Bei mir ist das bislang eher intuitiv und ich kann manchmal stundenlang (naja, fast) die Töpfe hin und her schieben. Dann gefallen mir die spitzen Blätter nicht neben den runden usw. Aber „arrangieren“ tue ich erst so richtig, wenn die Pflanzen größer sind, weil dann die Blütenfarben auch noch Einfluß haben. Das mit den veritkalen / horizontalen Linien muß ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen 😉 Viel Spaß noch !
    herzliche Grüße,
    Almuth

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    1. Hallo, Almut, ja, dass sich das ständig ändert ist klar und auch kaum berechenbar. Ich ergehe mich da immer gerne in Illusionen, dass das länger hält…!

      Intuitiv ist es bei mir letztlich auch, aber es wurde nach und nach zu einem System, das so aussieht: Ich gehe raus. Setze mich in den Stuhl. Dann schaue ich. Dann sehe ich, da stimmt was nicht, das könnte man so probieren. Dann rücke ich. Dann setze ich mich hin. Dann schaue ich… usw. Bis ich schließlich merke: SO geht es. Das ist dann oft für mehrere Tage, auch mal Wochen, aber nie einen Monat.

      Wie gesagt, diesmal hatte ich plötzlich aber auch einen Kick, und habe gemerkt, das ist ja eine Kadrierung oder halt wie in einer Skenographia. Damit stellte sich bei mir zum einen eine Zufriedenheit ein, zum anderen wusste ich schon wieder, was mein nächster Blogbeitrag würde!!!

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      1. Dann bist du wohl sehr experimentierfreudig ? Ein Monat ist ja keine besonders lange Zeit. Ich habe mich über den Beitrag gefreut und dabei noch interessante neue Worte kennengelernt – kannte ich alles noch nicht ! Mal sehen, wie es im nächsten Monat bei dir auf dem Balkon aussieht 🙂

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  3. Diese wunderschöne Skizze, die Gedanken, die verbale Ausschmückung, die Fotos… Allein dieser Beitrag ist schon wieder ein Gesamtkunstwerk. Dein Landschaftspark en miniature sowieso. Bin tief beeindruckt!

    Herzliche Grüsse,
    Arletta

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  4. Liebe Arletta,
    das freut mich aber sehr, dass Du es so siehst, dass auch der Beitrag sehr komponiert ist! Da habe ich diesmal auch etwas länger dran gearbeitet, als sonst. Und dann sogar nach der Veröffentlichung noch etwas daran gefeilt, geändert.
    Alleine die Kollorierung, aber dann auch am Beitrag selbst. Es ist schön, wenn das auch, wie ein Samen, bei Dir auf fruchtbaren Boden fällt.
    Herzlich, Giorigo

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