Klaustrophilie.

Eine der erstaunlichsten Dinge über den Balkon im Winter: Man betritt ihn im Grunde in dieser Zeit nicht. Er wird zum Un-Ort. Von drinnen schaut man gelegentlich heraus, um sich dann bibbernd wieder abzuwenden, sich in den Warmen kern der Wohnung zurückzuziehen.
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Was ist das für ein Gefühl? Erwartung, liegt nahe, ist auch eines der Gefühle. Jedes Mal wenn ich Äste vom Sofa aus sehe, denke, fühle ich schon voraus, was das werden wird. Aber, es gibt eine Art der Angst, nur ganz zart, aber doch eindeutig.
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Kann ich da in die Kälte eigentlich heraus? Jedes Mal, wenn ich es tue, dann zucke ich schnell wieder zurück, ziehe ich mich zurück. Klaustrophilie. „Die Liebe des Abgeschlossenen“, wäre die direkte Übersetzung. Dass der Begriff auch pathologisch verwendet wird, vergessen wir an dieser Stelle. Im Wortsinne steckt das, was den Winter durchaus mit ausmacht: Die Befriedigung daran, drinnen zu sein, nicht raus zu wollen.
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Dabei bin ich oft draußen. Vor allem, seit wir den Kleingarten haben, fast täglich, obwohl es friert, arbeite ich an allem was gerade eben machbar ist. Jedoch, der direkte Blick aus dem warmen Wohnzimmer auf den Balkon, der hat eine spezielle Note. Bloß nicht in diese Kälte, die so nahe vor meiner Scheibe ist, geradezu an der Scheibe klebt!
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Das Spannende, Frappierende: Das eben ist die Umkehrung dessen, was der Balkon im Frühling, Sommer und Herbst ist: Die Chance zum permanenten, semipermeablen Austritt. Die Chance, draußen zu sein, aber doch ganz nahe bei Zuhause.
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In den Warmen Zeiten sind Balkon und Wohnung eine symbiotische Polarität, sie sind zwei, aber sie sind fast vereint. Da trete ich immer gerne heraus. Von draußen dann herein zu schauen, ist dann ein Gefühl von, „irgendwie ist es besser draußen!“. Es ist also durchaus die Kälte, die nahe Kälte, die es im Winter so schwer macht, den Balkon zu nutzen. Das glatte Gegenteil vom Sommer also.
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Es ist also im Winter durch die Kälte eine klarer geschiedene Handlung, wenn man sich den Mantel, die Mütze, die Handschuhe anzieht und durch die Haustür heraus geht, als den Schritt auf den Balkon zu wagen.

Ich finde das etwas schade. Aber, es ist so und lässt sich auch nicht ändern. Bei mir zumindest. Und bei euch?

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3 Gedanken zu “Klaustrophilie.

  1. Schön beschrieben und das Wort „Klaustrophilie“ gefällt mir ausgesprochen gut 🙂 Auch die Fotos zu deinem interessanten Beitrag sind toll geworden ! Ein schöner Artikel !

    Ja, es ist ein bißchen eine Haßliebe. Um nach meinen geliebten Pflänzchen zu sehen, kann ich mich ganz gut überwinden, auf den Balkon zu treten. Da kann ich sogar ganz schnell vergessen, wie kalt es eigentlich ist, wenn ich auf die Balkonvegetation fokussiert bin. Aber ansonsten: gehts mir genauso. Ist man erst mal draußen, gut eingepackt, ist alles okay. Aber diese Hemmschwelle. Dieses mit dem großen Zeh vorantasten, als würde man ihn in kaltes Wasser tauchen. Huaaa….
    Auf der anderen Seite ist der Winter doch auch die Zeit des Rückzugs. Die Pflanzen schützen sich, die Tiere machen Winterschlaf und auch der Mensch ist nicht so aktiv, sondern mehr nach innen gerichtet. Ich glaube, das fällt uns oft schwer (mir jedenfalls gerade), aber irgendwie ist es doch auch eine Chance, eine gute Zeit, zur inneren Einkehr. Wenns dann wieder wärmer ist, dann verlegen wir unser Leben wieder nach draußen. Jetzt heißts einfach: abwarten und Tee trinken ! In diesem Sinne: Prost ! Liebe Grüße, Almuth

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  2. Lieber Giorgione! Ich kann mich da der lieben Almuth nur anschliessen: auch mir gefällt dieser Beitrag ausgesprochen gut und zwar in Bild und Text. Und er gibt einige gedankliche Nahrung ab, was schon beim Titel anfängt! Dieses „Semipermeable“ habe ich speziell hinterfragt und für mich festgestellt, dass dies wohl der Grund ist, warum mir persönlich der Balkon mehr (und halt näher!) am Herzen liegt als der Garten, der doch eigentlich viel mehr Möglichkeiten bieten würde. Garten, das ist noch mehr Polarität, für mich aber zu jeder Jahreszeit, unabhängig von den klimatischen Verhältnissen. Balkon, das ist die Einheit, auch wenn – je nach dem – eine klimatische Polarität spürbar ist. Die Polarität Garten – Wohnung ist definitiv stärker ausgeprägt, der Rückzug vom Garten fällt aber im Winter auch leichter, finde ich. Der Garten ist schlicht weiter weg. Von der Distanz her und damit auch vom Herzen. Balkon, das ist ein Teil der Wohnung, nicht wenige Leute bezeichnen den Balkon ja auch als Zimmer! Womit wir wieder bei der Semipermeabilität wären… Interessantes Thema, herzlichen Dank dafür! Mit lieben Grüssen, Arletta

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    1. Liebe Pflanzwas, liebe Arletta,
      das ist ja überaus spannend, wie unterschiedlich hier also drei Balkon- und Gartenliebhaber die Chose mit dem Winter sehen! Ich bin sehr froh, dass ich diesen Eintrag verfasst habe, der gar nicht so leicht zu erdenken war, da ich wirklich tief darüber nachdenken musste! Ihr habt das wunderbar weitergesponnen. Ich sehe, dass Winter eine wirklich intensive Erfahrung ist, mit der jeder zu knapsen hat, aber auch Wege des Umgans findet.
      Herzlich Giorgio

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