Was bedeutet mir als Konsumenten und Gärtner „Bio“ und Drumherum?

Vor Kurzem habe ich mich über einen Artikel in der sonst gern gelesenen „Zeit“ geärgert. Es war ein subtiler Artikel, der einen einsog, denn: Er war in der Printausgabe am 19. Januar buchstäblich mit der Hand geschrieben! Zwar reproduziert, aber doch eine persönliche Handschrift von Petra Wöhrmann. Das war subtil, denn es frappierte, so was hatte ich noch nie gesehen. Was aber wollte diese Form?

ohne-titelDer Artikel vermittelte am Beispiel Berlin Prenzlauer Berg (wie sollte es anders sein), dass man sich mit „Handgemacht“ was vorlüge.

Also, das alte Echo, Leute, die handgefertigtes kaufen, glaubten angeblich die Welt zu verbessern. Ich frage mich, wer das wirklich glaubt. Und daher habe ich mich erstmal selbst gefragt, was ich mit dem Rummel konkret am Hut habe? Mir geht’s so: Ich glaube als Konsument im Segment „Nachhaltig“ / „Bio“ / „Handgemacht“ ist mir sehr wohl bewusst, dass ich damit im Großen relativ wenig bewirke. Im Großen arbeitet die Politik an Lösungen, was auch nicht immer einfach ist. Mir persönlich nun ist es schlicht wichtig, bei möglichst Vielem, das ich tue, eine Basis zu finden. Es soll meine Grundeinstellung irgendwie wiederspiegeln. Ich möchte mit Menschen in Kontakt treten (was ich ja schon beim Kauf einer Milchflasche in vielerlei Hinsicht tue), die ich damit so wenig, wie es mir möglich ist, missachte oder misshandele. Ich weiß, wie widersprüchlich dieser Wunsch ist. Wenn ich dies schreibe, und Frau Schubert in ihrem von mir sehr geschätzten Kein-Plastik-Blog philosopiert, dann schreiben wir auf einem Computer mit viel Plastik, der teuer war, aber dennoch unter schlechten bis menschenunwürdigen Bedingungen produziert. Wir haben keine Wahl, entweder, digitaler Verzicht, oder, mitmachen. Es gibt keinen Zwischenweg, keine Lösung für uns als Konsumenten. Auch können sich viele die hier vorgebrachten Sorgen schlicht nicht leisten.

Wenn ich aber Bio kaufe, wenn ich mich erkundige, wo es nachhaltige Produkte für einen Wunsch von mir gibt, wenn ich lieber etwas handwerklich reparieren lasse, selbst, wenn das an den Preis des Neukaufs heranreicht, dann sind überall Menschen damit verknüpft, denen ich als Handelspartner fair begegne. Möglicherweise leiden andere, möglicherweise ist der Weg erst nur beschritten. Aber es ist doch nicht sinnlos, die Dinge Ernst zu nehmen und in guter Hoffnung auf eine Besserung im Kleinen anzugehen! Ich denke, darum geht es, dass der das tun soll, der es sich leisten kann.
Immer noch besser als aufgeben!

PS 1, Quelle: Aufgegeben hat es, wie mir scheint, Stefanie Flamm in dem „Die Zeit“-Artikel, hier, online seltsamerweise nicht handgeschrieben.

PS 2, Nachsatz: Dieser Artikel hier ist natürlich für meinen Blog ungewöhnlich. Ich experimentiere vor meinem zweijährigen Blogjubiläum nächste Woche, wo ich noch anders schreiben werde, etwas. Was mir auffällt: Wenn man einen solchen, unvermeidlich politischen Artikel schreibt, was ich nicht gewohnt bin: Es ist es so schwer, nicht in das übliche Hickhack zu verfallen, „doofe Presse“, „doofe Politik“, etc. Ich glaube, dass ich Frau Flamm nicht Unrecht tue, wenn ich ihren Artikel ärgerlich fand. Merkte aber zugleich, dass ich mich schon in der ersten Zeile rechtfertigen möchte, dass ich „Die Zeit“ (und generell die etablierte Presse!) zutiefst achte und schätze.

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5 Gedanken zu “Was bedeutet mir als Konsumenten und Gärtner „Bio“ und Drumherum?

  1. Lieber Giorgio!

    Mir gefällt dieser Beitrag ausserordentlich gut! Das Thema beschäftigt mich ja eh in hohem Masse. Die Authentizität gefällt mir so gut; Du implizierst keine Standardlösungen (die es ja eh nicht gibt), sondern stellst Ambivalenzen und damit die ganze Kontroverse um das Thema „bio“ oder „öko“ in den Vordergrund. Eben genau das, was die eigene Haltung und damit das Handeln so verkomplizieren kann. Nein, Politik wird nichts bewirken, schon gar nichts verbessern, lediglich der Respekt jedes einzelnen vor der Natur, den Mitmenschen, dem eigenen Leben etc kann eine Umkehr bewirken. Aktives, eigenes Mitdenken und Fähigkeit zur Empathie sind mehr gefordert als Gesetze. Am allerbesten gefällt mir aber Dein Fazit, und ich schliesse mich diesem zu 100 Prozent an: im Rahmen dessen, was einem selber möglich ist, kann man durchaus verantwortungsvoll handeln. Und ein klein wenig etwas verbessern. Und niemals aufgeben.

    Die Spannung auf Deinen Jubiläumsbeitrag von nächster Woche steigt bei mir! Sei herzlichst gegrüsst,

    Arletta

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Arletta, danke Dir sehr, es ist mir wichtig, dass Du mir zustimmst, denn ich kenne es ein wenig so, dass hier sehr großspurig diskutiert wird, und dann verwundert möglicherweise einige meine (unsere) Meinung. Ich glaube aber eigentlich, dass nahezu jeder weiß, dass sie oder er nur kleine, leckere Brötchen backen kann.

      Allerdings sind meine Hoffnungen auf die Politik nicht so schlecht, wie Du es anzunehmen scheinst. Die Politik arbeitet sehr langsam, das ist es, was viele erschreckt und wenig befriedigt. Aber, das hat ja einfach mit einer Meinungsfindung in der Demokratie zu tun. Die Lobys sind sicher unser größtes Problem, dem gegenüber das vielfältige Engagement von Einzelnen im System weniger Einfluss hat. Daher dauert alles immer sehr lange. Den Atem muss man aber haben. Ich finde es toll, wie hier in Berlin z.B. nun das Engangement gegen Massentierhaltung zunimmt, und auch diese Aktion von Professoren hat mich tief beeindruckt: https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/professoren-gegen-massentierhaltung . Daher also: ich habe hier erstmal über mich geschrieben, da ich schon dezidiert glaube, dass es immer im Kern um die konkrete Situation geht, vor der man steht.
      Herzlich Giorgio

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  2. Ich kenne nun den Artikel nicht, aber ich denke, daß man immer nur im Kleinen anfangen kann. Wenn jedem alles egal wäre und man würde nur auf die Politik warten und vertrauen, würde sich doch gar nichts ändern. Irgendwann hat mal ein einzelner angefangen, was gegen Massentierhaltung zu unternehmen, und dem haben sich immer mehr angeschlossen. Wenn alle einzelnen Bewohner einer Straße bei dem einen Bäcker kaufen, der sich mehr um die Umwelt sorgt, als die anderen, dann hat das doch Auswirkungen. Jeder einzelne ist gefragt, jeder einzelne kann was tun. Manchmal ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein, manchmal wird der Tropfen zum Bach und manchmal wird der Bach zum Fluß !!! Man kann nur bei sich selbst anfangen und wenn man mit Herz und Begeisterung dabei ist, kann man auch andere anstecken. Und wenn wir einen respektvollen Umgang mit Tier und Natur wollen, können wir doch nur wieder zu kleineren Einheiten zurückkehren. Und kleine Einheiten schaffen es oft, viel schneller und auch durchdachter und ausgewogener etwas umzusetzen, als die große Landes oder Bundespolitik….Herzliche Grüße

    Gefällt 1 Person

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