Zum zweijährigen Blog-Jubiläum: Musik!

Heute, wo sich mein Bloggen zum zweiten Male jährt, möchte ich eine lange Geschichte erzählen. Über Musik und Gefühl. Über Musikstile und ganz konkret, ihren Bezug zur Gegenwart. Jeder Stil auf seine Art, für sich richtig und gut –  so wie sonst über die Blumen auf dem Balkon in ihrer unwiderstehlichen Vielfalt, schreibe ich über meine Gedanken zu guter Musik.

Do you know, what it Hurts like?

Welche Musik kann ernsthaft gehört werden? Differenzierte Bezüge stellen sich  gar nicht selten ein, und manchmal passiert es, dass vermeindlich anspruchslose Musik sich als gut entpuppt. So entdeckte ich von der relativ jungen britischen Synth Pop / New Wave Band „Hurts“ das Album „Surrender“. Warum höre ich sie? Hurts haben zwar ihre Peinlichkeiten und Unbeholfenheiten, entpuppen sich aber als bemerkenswert in den Texten und der musikalischen Umsetzung, wenn man sich auf sie einlässt. Kritik an Hurts geht meist in die Richtung, sie würden musikalisch die Mittel in Hypertrophierung (d.h. gewissermaßen „Überversorgung“) anwenden. Das war beim New Wave aber immer schon so, etwa bei Depeche Modes Vorspiel zu „People are People“. Pop ist überhaupt Hypertrophierung, man denke an Beatles „The Beatles“ („White Album“), für mich der Beginn des modernen Pop, wo alle Musikstile mit überaus eigenen und qualitätvollen Beispielen vertreten sind. Ein Feuerwerk der Vielfalt, oder, wenn man so will, Hypertrophierung.

komposition-orange-rot

Hurts hypertrophieren beispielsweise, indem Stimmen per Vocoder in einen sehr Tiefen Bass verzerrt werden, wo Zweifel an der Lebbarkeit von Gefühlen anwesend sind. Oder, um versagende Stimmen darzustellen („I tried to call“). D.h. die Hypertrophierung ist nicht schlicht ein Mittel im Sinn eines Manierismus – einer Spielart des Barock, in der ursprünglich sinnaufgeladene Formen – etwa eine Säule – zu den reinen Spielelementen einer Komposition werden, die dann das eigentliche Ziel wird. Die Hypertrophierung hat bei Hurts Sinn. Dann kommt häufiger der Vorwurf, sie würden alle möglichen Versatzstücke verwenden und geschickt arrangieren, gerade in ihrem modischen Auftreten und den Covern. Das machen Künstler immer schon!

Steigen wir da direkt ein in das textlich beste Stück der LP, „Rolling Stone“. Zunächst, wer traut sich nach der bekannten Band und der bekannten Zeitschrift, ein Lied so zu nennen? Hurts. Die erste Zeile:
„In fair Verona where we lay our scene“.

Der Reiz ist hier, dass die Szene, die nun die Erzählung ausmacht, willkürlich nach Verona gelegt wird. Der Erzähler macht das Erzählen zum Thema, indem er uns an seiner Entscheidung, wohin er eine Handlung verlegt, teilhaben lässt („where we lay our scene”)! Ein wunderschönes Mittel, selten eingesetzt, daher umso effektiver, wenn es denn vorkommt. Johann Wolfgang von Goethe begann seine „Wahlverwandtschaften“ mit „Eduard – so nennen wir einen reichen Baron“. Das Mittel in einem Popsong ist eine Überraschung.

„Juliet is on her knees

She shoots to kill

and aims to please“

geht das Stück weiter. Die Heldin ist in dem Lied auf den Knien, jedoch, wo sich im Text Ortsnamen häufen, erzählt sie ihre Lebensgeschichte in der Vergangenheit. An der Stelle aber, wo ihr Knien erneut erwähnt wird, wissen wir, wir sind wieder in der Gegenwart, in Verona. Sie versucht gerade, durch Gewalt („shoots to kill“) oder Gefallen („aims to please“) sich zu wiedersetzen. Plump gesagt, offenbar erwägt jemand, sie der Polizei zu übergeben, da sie minderjährig ihren Eltern zurück überstellt werden sollte. Sie aber wehrt sich argumentativ dagegen, indem sie sowohl aus ihrer Lebensgeschichte begründet, warum sie nicht zurück möchte, als auch droht, sie würde entweder sich selbst töten („never take her alive“) oder die Polizisten („she would kill them if they tried“). Eine dramatische Situation, und die Sprache ist präzise und sagt viel in den wenigen Worten:

„She said her Daddy was an alcoholic

And her Mother was an animal“

erzählt erstmal davon, dass ihre Eltern nicht gut für sie sind. Die Stichworte genügen, um ausreichend überzeugende Assoziationen zu erzeugen, dass sie nicht zurück sollte. Frappiert hat mich darüber hinaus, dass der Vater „Daddy“ genannt wird, also letztlich liebevoll. Und die Einordnung „Alcoholic“ liefert eine Erklärung für sein Verhalten. Ihre Mutter aber wird einfach „Mother“ genannt, und sogar „Animal“, „Tier“, als negative Figur, ohne Erklärung, ohne Pardon. Anscheinend gibt es die typische Geschlechterverteilung: Der Vater wird als Alkoholiker einerseits als Quelle des Problems benannt, aber irgendwie auch bedauert, während die Mutter, die diese Situation nicht aufzulösen vermag, als „Tier“ in ihrer hilflosen, wehrlosen Rolle die Schuld tragen muss.

Dass die Tochter alles tut, nur um nicht zu den Eltern zurück zu müssen, überzeugt ganz unabhängig davon. Dass sie ihr Leben wie ein „Rolling Stone“ lebt. Als Ausdruck, rollender Stein, ist das alt, passt aber.

Wenn Hurts zu sehr Pop sein wollen, können sie auch peinlich sein. Da die Musik dann gut ist, wie bei „Wings“, macht das nichts. Zugleich muss man lächeln, wenn der Inhalt des Stückes ist, jemand vom „freien Fall“ zu bewahren, und ein Flügelwesen aufgefordert wird „Wrap your Wings around my body!“ Wie soll denn das gehen, ein Flügelwesen kann doch nicht mehr fliegen, wenn es die Flügel um den Körper eines fallenden Menschen schlägt! „We´re flying above the valley below“, wie es in der wunderschönen Refrain-Abwandlung kurz vor dem Ende des Stückes heißt, funktioniert dann aber nicht mehr! Hier nun haben wir Manierismus vor uns, aber den Allerschönsten. Es geht um die paradiesische Vorstellung, von Flügeln umarmt gerettet zu werden als Form, nicht als konkreten Lösungsansatz.

Das letzte Stück der Platte ist mein Lieblingsstück. Es beginnt: „I said I´d call the Police-woman“. Wunderschön, der Überraschungseffekt. Nach „Police“ scheint der Sänger kurz anzuhalten, um dann „woman“ fortzufahren und so die Überraschung auszukosten. Diese Überraschung ist echt, der Stop and Go kein Manierismus. Dabei wieder seltsam: Der Satz „Ich rufe jetzt die Polizei!“ hat gemeinhin eher Peinliches an sich. Zumindest wird niemand, der diesen Satz sagt, für besonders souverän bewundert. Aber, in der Wendung, Police-Woman wird es plötzlich etwas besonderes. „Ich rufe jetzt die Polizistin!“ würde in einer Streitsituation in Deutschland wohl auch Überraschung hervorrufen, und daraus vielleicht sogar einen Effekt erzielen.

Die Geschichte der Polizistin in „Policewoman“, die gleichzeitig eine Superheldin („trying to rescue these streets“) und eine – diesmal gute! – Mutter verkörpert („she protects me from the pain“) sowie schließlich sogar eine gute Ehefrau („to serve and protect my loving”) ist genialisch und peinlich zugleich. Mir scheint, am Wichtigsten aber ist, die Geschichte ist konkret und irgendwie wirksam. Ich denke, das macht dieses Album überhaupt aus. Die bluntness, Gefühle in Worte und, meinetwegen, hypertrophierte musikalische Mittel zu verpacken, sodass sie packen. Die naiv positive Besetzung der Polizei als Retter. Worte, wie „I see those vandals running“ überraschen: Wer spricht denn ist-1 heute noch von „Vandalen“? Aber, natürlich gibt es in dem Moment, wo jemand Vandalismus begeht, auch einen Vandalen. Ebenso ist die Hoffnung, vom Schmerz erlöst zu werden am Ende der Vinyl-LP weniger religiös gemeint:
„From the bullets to the blades

She protects me from the pain“

Ganz Konkretes ist hier gemeint, nicht etwa seelischer Schmerz, hier geht es um physischen Schmerz durch Vandalen und aggressive Menschen. Es geht um sehr bürgerliche Ängste und Hoffnungen, was man ebenfalls in einem Popsong einer New-Wave-Band kaum erwartet. Es geht einem daher um so näher, wenn es so ganz unaufgeregt und naiv gesungen wird: „A code of silence feeds the violence all around“ ein kryptischer, faszinierender Satz. Er passt für die heutigen Städte, in denen man sich ohne Worte zu wechseln Gewalt antut.

Denn, die Band heißt Hurts. Haben sie den Namen aus Pet Shop Boys LP „Very“ mit dem Stück „Young Offender“? Auf jeden Fall passt der Name gut, wenn er in mehreren Variationen auf der Platte vorkommt, einmal (in „Lights“) sogar genau in der Form „Do you know what it Hurts like?“. Und sie schreiben über Liebesschmerz, enttäuschte Liebe (beidseitig, in „Wish“), körperliche Liebe, die, durchaus zur Frustration des Liebenden, in Sadismus übergeht („Slow“). Deutlich auch der Satz: „If this is love, than why does it Hurt so bad?“ in „Why“ (musikalisch das schwächste Stück der LP). Hoffnung aber wird nie aufgegeben, das ist wichtig. So, wie der Satz „Black sky turns Technicolor“ in „Kaleidoskope Dream“ für mich die Überwindung der 80er Jahre verkörpert, in denen Depeche Mode sangen:

„Grey sky over black town

I can feel depression all around“.

To serve and protect my loving

Bei der Kunst-Gefühlssprache der Musik ist mir mit Hurts erst klar geworden, weshalb in der Popmusik permanent von schwierigen Liebesbeziehungen gesungen wird: Dieses hundertmal variierte Thema ist eine Verarbeitung der gesellschaftlichen Grundsituation, dass zwar jeder Mensch geliebt werden möchte, in den komplizierten Umständen aber oft keine Liebe weiter gibt und damit anderen das verweigert, was er selbst möchte. Diese Missachtung kann in Hass umschlagen. Das Gefühl Hass ist grundsätzlich eine innere Reaktion darauf, dass man geliebt werden wollte und auch überzeugt war, dass man diese Liebe verdient hat, darin aber zurück gestoßen wird. Menschen glauben immer, dass sie Liebe verdienen, egal, was sie tun, seit der Kindheit von ihrer Mutter. Daher der Satz „To serve and protect my loving“ in Hurts mütterlicher „Policewoman“.

Das Gefühl einer Situation auszudrücken ist an sich wertvoll. Dabei sogar ungerecht zu sein, das darf sowohl das Gefühl, wie auch die Popmusik. Ungerecht, etwa gegenüber der Mutter in „Rolling Stone“ oder gegenüber dem Vandalen, der doch auch ein Mensch ist, in „Policewoman“. Ich finde, der Politiker darf es nicht, ja sogar der alltägliche Mensch auf der Straße oder am Computer darf es nicht, wenn er politisch argumentiert. Er muss genau sein, logisch, darf sich den Gefühlen nicht hingeben. Das geht aber nur, wenn man Gefühle kennt, versteht, sich selbst in seinen Gefühlen nachvollzieht. Und sogar, wenn man Gefühle, die in einer Zeit latent sind und die man eigentlich nicht teilt, erkundet.

In dieser Hinsicht kann sogar Hass als Gefühl wertvoll und richtig sein. Hass kann jedoch nur ein erster Impuls, ein Anfang sein, ein Problem zu definieren. Denn gelebter Hass ist destruktiv. Er kennt nicht den Weg, der gut ist. Hass ist als Gefühl wichtig, als Tat aber Nihilismus. Die Tat aus Hass trägt keinen Nutzen, weder bezwingt sie das Gefühl, noch das Problem.


I see a new beginning

Traurige Gefühle werden im Punk und im Heavy Meta thematisiert. In diesen Musikrichtungen gibt es so viel Neues zu hören, dass es erstaunt, wie wenig die Kunstform im alltäglichen Gespräch präsent ist. Die Aussage „Ich höre Abba“ geht immer durch, aber „Ich höre Lightning Swords of Death“, was passiert, wenn man das sagt? Erstmal kennt die niemand. Und, wenn das Gegenüber für sich die Worte übersetzt „Blitzende Schwerter des Todes“, dann wird es belächelt oder als abstrus empfunden, da die Sprache des Metal in ihrer Bedeutung nicht präsent ist. Schmalzige Sätze aus dem Pop, wie „Holiday auf Wolke 7“ versteht jeder und kann sie, ironisch lächelnd, einordnen und sogar genießen. Aber Sätze wie „Ashes this way ashes and dust decay“? Mal auf Deutsch, um die immanente Coolness des Englischen abzuziehen: „Asche hier! Asche und Staub, Zerfall!“ Da kann niemand so richtig was mit anfangen, der Bezugsrahmen fehlt. So, wie jemand, der ein Gebäude des Manierismus in Rom vielleicht das erstmal sieht, gerne sein übliches Urteil über den Barock auspacken wird: „Überladen!“. „Unstrukturiert!“. Stimmt aber nicht.
Was singt nun die Gruppe „Lightning Swords of Death“ in dem Stück „Venter of the Black Beast“ nach der Zeile „Ashes this way“?

„Woe to man

his fall from grace

into the silence of perfection of death

final gnosis is found

al is darkness and all is chaos.”

Düstere Sätze! Erstmal sind es anscheinend Ausrufe. Gibt es eine Hauptperson? Es ist schwer zu bestimmen, aber es ist wohl der Mensch, der gefallen ist. D.h. er sieht sich mit all diesen, sagen wir mal: „Widrigkeiten“ konfrontiert. Der Text bemüht sich mit der Aufzählung ähnlich entsetzlicher Widrigkeiten, eine Stimmung oder einen Zustand der Bedrohung und Sinnlosigkeit zu vergegenwärtigen. Dabei werden immer neue Beschreibungen gefunden:

„dig us a grave

the finest grave

build us this tomb

to bury what was man“.

Um diese Anhäufung von synonymischen Schrecklichkeiten richtig nachzuvollziehen, die Gegenüberstellung mit dem religiösen Barockgedicht von Andreas Gryphius, „An die Sternen“:

„Ihr LICHTER, die ich nicht auff Erden satt kan schauen,

Ihr FACKELN, die ihr Nacht und schwartze Wolcken trennt

Als DIAMANTEN spilt, und ohn Auffhören brennt;

Ihr BLUMEN, die ihr schmückt des großen Himmels Auen“ etc.

Ist in dem Black-Metal Gedicht von Jeremy Stramaglio als dem Texter von Lightning Swords of Death alles dunkel und sinnlos, ist bei Andreas Gryphius alles erleuchtet und wunderbar. So wird deutlich, dass die Lyrik des Black Metal nicht selten traditionelle religiöse Lyrik quasi umdreht, deren Wertvorstellungen invertiert. Beide Sorten der Lyrik treffen sich aber darin, etwas mystisches zu beschreiben. Auch leiten sie ihre Geschichte ähnlich mit der Vielzahl von Beschreibungen desselben Gefühls auf einen Höhepunkt hin. Lightning Swords of Death führen dazu einen zweiten, mächtigeren Hauptcharakter ein:

„the star that burneth black

a god of rotting decay.“

Also, auch hier ein Gott, wie bei Gryphius. Aber, was für einer, ein schwarzer, schrecklicher Gott. Das offensichtlich wichtigste über ihn erfahren wir im letzten Satz:

„He cannot live outside the host“.

Am Schluss wird die Geschichte verständlich: Der Mensch ist gefallen und schlecht geworden. Er sieht sich nun Fürchterlichkeiten gegenüber, die alle vom Schwarzen Stern als einer Art Gott ausgehen: „now all behold his face“. Und er wird auf entsetzliche Weise sterben. Nun kann der Titel „Venter of the black beast“ dechiffriert werden: Der Mensch ist ein „schwarzes Biest“, das in seine Gedärme die Scheußlichkeiten hinein fraß und nun selbst von ihnen zerfressen, verbrannt, vergiftet, zersetzt wird.

Hier kann man das Stück hören. Vorsicht, wer so was nicht kennt, es dauert, dass man das durchdringt, wirklich hören kann. Dass man nicht lachen muss oder sich abgestoßen fühlt. Ich muss auch heute manchmal lachen, wenn der Sänger zu röchel-singen anfängt. Lachen ist gut. Aber, auch verstehen, etwas von der Musik mitnehmen.

Wie man sich dieser Musik stellt, fragen sich offenbar manche Leute, auch solche, die sie selbst hören. Metal thematisiert Hass, Verzweiflung, Zerstörung, völlig ungeschönt. Es ist glaube ich nicht adäquat, die Geschichte des Metal als eine zu erzählen, in der alles nur schneller, lauter und härter geworden sei (so hier). Nur formal stimmt das, aber das sagt nicht viel. Denn es handelt sich hier nicht um Manierismus, die Entwicklung ist inhaltlich zu verstehen: Metal ist vom einst schon revolutionär für die Zeit klingenden „Hardrock“ immer befreiter darin geworden, Aggression künstlerisch darzustellen. Dafür wurden immer neue Mittel gefunden, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Inzwischen ist zwar quasi alles schon mal da gewesen, gerade daher aber konnten die Mittel in höchst kunstvoller Weise weiter entwickelt werden. Schließlich ist der „cross over“, die Vermischung der Stilmittel, die sich zunächst separat gebildet haben, meistens am interessantesten. So z. B. bei Saturnalia Temple „To the Other“, oder Vanum „Realm Of Sacrifice“ bis hin zu Genres und Gruppen, die man einfach kennen muss, wie dem Drone Metal mit Sunn O))) „Kannon“.

ist-2aDabei sind die Musikstücke mit den Texten als Ganzes das Werk. Es wird vom Gefühlswert her verstanden. So wird es als Kunst gelebt – übrigens auch, wenn jemand sagt, „Ich halte das nicht aus“. Das ist eine mögliche, berechtigte Rezeption. In manchen Foren zu Alben oder zur Musik des Metal im Allgemeinen wird auch deutlich, wie viel Wert darauf gelegt wird, eine vermeintlich reale Forderung in den Texten als Kunstform zu erkennen und von der wahren Einstellung zu unterscheiden. Aus der Perspektive mancher, die Metal hören, soll in der Prosafassung des Alltags niemand Gewalt fordern. Denn dann begibt er sich außerhalb des Werkes. Er droht dann, so verstanden zu werden, als würde er den Hass wirklich leben wollen. Er trennt Werk und Leben nicht klar genug. Hass darf also nicht Ziel, wohl aber Thema der Musik sein.

Metal und Punk begeben sich in eine Nähe zu Gefühlen, dass es einen nicht selten Schaudern macht. Die Gefühle, die der gepflegte Gärtner gerne verdrängt, werden in diesem Unterfangen eine Kunstform. Es geht an niemandem vorbei, wenn sich ganz gewöhnliche Menschen radikalisieren und hassen. Will man aber seien Zeit innerlich auch verstehen können, nicht nur an ihr leiden, sondern sie überlegt nachvollziehen, ist die Kunst ein geeigneter Rahmen. Es ist daher wertvoll, das Leben und die Werke der Kunst unterschiedlich zu betrachten, wie auch Gefühl und Verstand. Bei aller Interaktion zwischen beiden.

Punk kann dabei in die Nähe der Verzweiflung in einer Weise kommen, dass man es kaum glauben kann, was Kunst überhaupt vermag! Wie die Platte „Ceaseless Desolation – Nicość“. Nicość ist Polnisch und lässt sich am Besten englisch mit „Nothingness“ übersetzen – deutsch: „Das Nichts“. Alleine das Cover, mit harten Schwarz-Weißen Werten, zeigt einen in Ruinen weinenden Punk und ist Verzweiflungskunst. Die Musik kann man praktisch nicht hören, so entsetzlich wird hier gelallt und geröchelt, in zwei Tonhöhen, Tenor und Bass. Es dauert, bevor man ein Stück, geschweige denn eine Plattenseite, zusammenhängend hören kann.

Punk aber wechselt häufiger von der Beschreibung eines Gefühls auch in die überlegte Mitteilung von Inhalten. „and the winner is…“ heißt die LP der Hardcore-Punk-Band „Driller Killer“. Er verweist sofort konkret auf eine gesellschaftliche Situation, die so gesehen wird, dass niemand mehr gewinnt bei dem „Gesellschaftsspiel“. Es sei davor gewarnt, die Discographie dieser Band zu recherchieren, denn es gibt da ein Cover, dessen Anblick traumatisiert. Hier sind tatsächlich die Grenzen erreicht, welche Kunst man ertragen, auch tolerieren kann – im Visuellen sind sie schneller überschritten. Wertvoll bleibt das eigentliche Werk, die Musik, die Texte, die Themen angehen, auch, wenn die Wut über diese Themen gleichzeitig mit der sachlichen Schilderung anklingt. Mitten in den Schilderungen schrecklichster Missstände aber kommt bei Driller Killer ein Lichtblick auf, das Stück „Lost man landing“:

“I see a new beginning

where everything feels good

where no one bothers no one

the peaceful neighbourhood

a world where hate´s been banished …”

Der Text überrascht. Hier geht es sowohl um Hoffnung, wie auch um konkrete Werte einer besseren Gesellschaft. Musikalisch ist das Stück in derselben Weise gespielt, wie die anderen Stücke: Die Äußerung von Hoffnung wird hervorgestoßen, wegen der empfundenen Hoffnungslosigkeit. Der hoffnungsvolle Text erklingt in der genreüblichen, wutgeladenen Musik, da die Sänger Hoffnung an sich kaum ertragen.
Punk ist musikalisch weniger eingängig, textlich aber meist konkreter. Nicht zufällig sind Punk und Metal sehr unterschiedliche Kunstformen. Heavy Metal, den ich vor allem höre, ist musikalisch eingängiger, von den Texten her subjektiver. Nur darin besteht eine Berührung mit dem Pop und seiner Subjektivität. So kommen die beiden nur scheinbar unvereinbaren Pole dieser Geschichte, die ich erzähle, am Ende zusammen.

lpg-schweinezucht
Ich höre Punk und Metal, möchte aber nicht, dass die Welt ganz oder Teilweise zerstört wird, damit danach „Friede“ einkehrt. A war to end all wars, der die Menschen und Natur zerstört? Idiotisch! Krieg als Reinigung? Für mich keine Hoffnung. Gute, ernst gemeinte, intensiv gefühlte, konkrete Musik ist eine Hoffnung. Egal, welches von den vielen Gefühlen, die wir Menschen haben, kennen und durchleben, da thematisiert wird. Sie müssen nur ernsthaft thematisiert werden. Die eine Musik-Kunst enthält die sinnende, zweifelnde, immer noch hoffende Liebe, so der Pop. Die andere gibt sich hin, der aufgegebenen Hoffnung und dem Wunsch, alles soll zerfallen, so Metal. Und die dritte Musikkunst beschreibt die Verzweiflung zusammen mit dem intensiven Ruf  nach Menschlichkeit, so der Punk.

Das treibt mich um, wenn ich nicht meinem Beruf oder dem Balkongärtnern nachgehe. Vielleicht sieht man eine Parallele zum Balkonbloggen: Wie ich dort letztlich alle Pflanzen nahe bringen möchte und nur in äußerst seltenen Ausnahmen eine als „Unkraut“ bezeichne, erkunde ich auch gerne neue Kunstformen um ihre innere Schönheit zu finden.

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2 Gedanken zu “Zum zweijährigen Blog-Jubiläum: Musik!

  1. Lieber Giorgione!

    Erstmal: herzliche Gratulation zum zweijährigen Blogjubiläum. Dein Blog hat einen unverkennbaren Stil und mit diesem exzellenten Beitrag hast Du diesen Eindruck noch verstärkt und ich denke, das geht nicht nur mir so. Abgesehen vom Inhalt, finde ich sowohl Aufmachung wie auch Bildauswahl zu diesem Beitrag extrem gut.

    Hurts. Ja. „Kenne“ ich. Hitparaden-Band. Bissi schnulzig und so. Sogar mal live erlebt als Untermalung bei der „Art on Ice“ im Zürcher Hallenstadion, auch wieder Hintergrundgeplänkel der netten Art. Nein, ich kannte Hurts nicht bislang. Ich habe dieser Band nicht mal richtig zugehört, weder musikalisch noch textlich. Radio an – Hurts – nächstes Stück. Musikalischer Massenkonsum in bester Digitalqualität und was wirklich dahintersteckt wird immer unwichtiger. Gute Musik gibt’s ja überall. Bissi Refrain mitsingen beim Misten der Kleintiere oder beim Kochen. Und nächstes Stück. Tragisch, wie viel wertvolles und hörenswertes im tiefsten Sinn ganz einfach auf der Strecke bleibt. Wieviel Genialität. Musikalisch wie auch poetisch.

    Ich habe den Beitrag mehrmals gelesen. Er hat mich richtig ergriffen gemacht. Auch der Vergleich zu unserer Beziehung zu den Pflanzen. Musik „einfach so“ zu konsumieren ist wie eine Wiese zu sehen statt sie zu betrachten, das Grün wahrzunehmen, nicht aber die Tatsache, dass in dieser Wiese bestimmt 100 verschiedene Gräserarten zu finden sind. Und letzteres macht mich ja extrem traurig. Die Oberflächlichkeit der Natur gegenüber. Du machst aufmerksam auf die Oberflächlichkeit der Kunst gegenüber. Und dies macht mich persönlich betroffen. Weil ich Hurts so gar nicht kannte. Und mir auch nie die Mühe gemacht habe, sie – oder eine andere Band- WIRKLICH kennenzulernen. Abgesehen vom „guten Sound“ in optimaler Qualität.

    Danke für diesen wertvollen Beitrag! Und ich wünsche Dir von Herzen weiterhin viel Spass beim Bloggen!

    Mit lieben Grüssen,
    Arletta

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Arletta,
      ich danke Dir sehr für die positiven Worte anhand meines ungewöhnlichen, dem Blog-Haupt-Tema fremden Beitrages! Ich habe lange daran geschrieben, und die Bilder sind alle von mir, schön, dass sie Dir gefalen. Ja, man kann so viel da draußen kennenlernen, wenn man es gerne möchte. Das ist wie eine Self-fulfilling prophecie, wenn man meint, man finde eh nichts, findet man auch nichts.
      Herzlich Giorgio

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