Das Erich-Stekovics-Experiment – Tomaten nicht gießen, nicht ausgeizen, nicht hochbinden

Ein Kleingarten bietet die echte Chance, langehegte Träume war werden zu lassen. Dazu gehört bei mir, Tomaten auf eine gewissermaßen „natürliche“, „normale“ Art wachsen zu lassen, also nicht mit eintriebiger Zucht, hochbinden, permanentem Gießen, sondern mehrtriebig, ohne gießen, ohne ausgeizen schlicht auf dem Boden kriechend.

Erich Stekovics und auch einige andere Urgesteine der Landwirtschaft haben in den letzten Jahren etwas Furor gemacht, Tomaten einfach im Mai auszupflanzen, einmal zu gießen und sie dann schlicht wachsen zu lassen, bis man beginnt, zu ernten. Mein Vorgarten, hierüber in einem Bild am 23. April, schien für diese Methode ideal: Eine Rasenfläche war im Laufe der letzten Jahre verwildert, eher eine Wiese. Ich mag Rasen (habe die Parzelle ja so übernommen) sowieso nicht so recht, finde, da soll lieber vieles wachsen, auch Nutzgemüse, nicht nur Gras!

Also habe ich Anfang Mai  spatenbreite Löcher ausgehoben, mit wenig Kompost angefüllt und die Tomaten hineingesetzt. Angegossen, fertig. Hierüber eine grüne Zebra von Aldi.

Aldi hat im Frühjahr einige der wenigen „genehmigten“ alten Sorten als Pflanzen. Da es dies Frühjahr mit der Eigenzucht so schwierig war, habe ich ein Paar davon versucht.

Aber auch meine sebstgezogenen Tomaten, die ich seit zwei Jahren erhalte. So standen dann am 10. Mai 18 Tomatenpflänzchen in meinem Vorgarten. Man erkennt ihre Lage an den weißen Schildchen. Ein Meter Abstand voneinander. Damit sie sich richtig ausbreiten können, und falls mal eine krank wird, flieg sie raus; sie steckt aber keine andere an.

Was dabei raus kam, sah schon bald sehr schön aus – hierüber am 19. Juni eine meiner selbst vermehrten Tomaten: Die Wiese wuchs mit den Tomaten, die zwischen den Blumen sich durchaus wohl fühlten. Natürlich musste ich dann doch bald etwas Beikraut entfernen und das Gras zumindest um die Tomaten mähen. Zudem kam etwas Stroh unter die Pflanzen. Auch konnte ich es nicht lassen, bei sehr großer Trockenheit Mitte Mai doch einmal pro Woche etwas zu gießen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es genügt , nur eine Woche nach dem Einsetzen noch einmal zu gießen: Da die „Referenztomaten“ auf der Rückseite des Grundstücks, die ich regelmäßig goss, später auch nicht mehr wuchsen, als die nur zweimal gegossenen des Experiments, war mehr offenbar überflüssig.

Heute sieht es teilweise so aus, und ich habe das Bild hierüber extra in voller Auflösung eingefügt (bitte anklicken), damit man es sehen kann: Im Hintergrund sieht man das Rosen- und Stockrosen-Beet, das letzte Woche Thema war. Im Mittelgrund sieht man zwei ziemlich große Tomatenbüsche einer Siebenbürgener Reisetomate.

Und hier sieht man nur den linken der beiden Büsche: Da ich nicht ausgeize, wachsen Triebe in alle Richtungen, statt nur nach oben einer, wie es der übliche Kleingärtner macht. Die Pflanze stützt sich selbst am Boden ab. Sie beginnt nun, an vielen Enden Blüten zu entwickeln; einige Tomaten hat sie schon angesetzt. Die Triebe beschatten den Boden gut, sodass er kaum austrocknet, auch an sehr sonnigen Tagen.
Ein Detail der Reisetomate, es sieht nicht viel anders aus, als sonst, tatsächlich aber stehen mehr Triebe nebeneinander als bei einer ausgegeizten Tomate.

Zugegeben, die Reisetomate wächst ideal in der Wuchsform, die man in einem wunderbaren Video einer Visite bei Erich Stekovics sieht. Andere Tomaten wollen mehr in die Höhe. Wie diese hierüber, aber, dreitriebig wächst sie doch! Und es kommen gewiss mehr. Bei diesem Exemplar werde ich nichts machen und einfach beobachten, was passiert. Wird die Tomate knicken, oder sich sanft auf den Boden senken?

Bei den Tomaten auf der Rückseite des Grundstücks gehe ich konventioneller vor. Aber, die Stekovics-Ieen haben mich beeinflusst; Auszugeizen kann ich mir nicht abringen. Mein Gefühl sagt mir, dass Stekovics Recht hat, Ausgeizen erst lässt Krankheiten in die Pflanze ein, durch die großen Wunden, die beim Abbrechen kräftiger Triebe (sprich: beim Ausgeizen) entstehen. Bei dieser Tomate (einer „Schwarzen Ananas“) habe ich drei der konventionellen (hässlichen) Korkenzieher-Tomatenstäbe angewendet, um die kräftigen Haupttriebe gut führen zu können. Solches schlägt Stekovics vor, wenn man nicht auf das vertikale Führen verzichten möchte. Man muss Mut haben, die Argumente für das Ausgeizen zu vergessen, denn natürlich kommen viel mehr als nur drei Triebe.

Aber ich bin auch kein Dogmatiker. Ich habe den Eindruck, dass man jede Tomate beobachten darf, was sie braucht.  Die Tomatenpflanze hierüber, die schwarze Tomaten geben wird und deren Samen ich aus einer in Polen gekauften Tomatenfrucht gewann, wächst von sich aus eintriebig. Nun, die würde wohl eines Tages abknicken, dazu sind mir die Samen zu wertvoll, denn ich habe keine mehr und muss unbedingt dieses Jahr aus zumindest einer der Tomaten Samen gewinnen. Diese Tomaten habe ich mit einem konventionellen (hässlichen) Korkenzieher-Stab nun abgestützt. Nach den unglaublichen Regentagen in Berlin habe ich die Blätter  mit 9%iger Milchlösung eingesprüht, um Braunfäule vorzubeugen und einige Tage später zur Kräftigung mit verdünnter Brennnesseljauche gegossen.

Meine Erfahrungen sind gut (hierüber die Grüne Zebra, die nicht sehr groß ist, aber Früchte hat). Voraussetzung des Erfolges sind  robuste, alte, samenfeste Sorten. Keine Hybride! Da das Jahr schwierig ist, lange kalt, dann trocken, nun feucht, kann ich sagen: Trotz der Widrigkeiten sieht alles schön aus, und es gibt viele Blüten und erste Früchte. Mein Eindruck: Ich konnte es nicht lassen, etwas an den Tomaten rumzufummeln: Doch etwas gießen, doch pflegen, doch mal am Stab. Mir scheint, wenn ich nichts gemacht hätte, sähen die Tomaten ganz genauso gut aus. Außer dem erneuten Gießen nach einer Woche, das empfehle ich entgegen Stekovics. Im Übrigen hat er den Punkt getroffen.

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6 Gedanken zu “Das Erich-Stekovics-Experiment – Tomaten nicht gießen, nicht ausgeizen, nicht hochbinden

  1. Lieber Giorgio, herzlichen Dank für diesen hochinteressanten Bericht darüber, was passiert, wenn man die Pflanzen mal einfach Pflanzen sein lässt und sie ihrer Natur folgen dürfen. Was Du hier an Deinen Tomaten beobachtest, liesse sich wohl endlos übertragen auf so ziemlich alles, was überbewirtschaftet wird in unseren Wäldern, Gärten und auf unseren Balkonen und sehr oft nicht besonders erfreulich endet. Eine gute Ernte wünscht Dir, Arletta

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  2. Liebe Arletta, ja, das natürliche Bewirtschaften funktioniert nach meiner Erfahrung bisher sehr gut, auch in allen anderen Feldern. Mein Boden hat relativ wenig Nährstoffe. Na und? Muss ich eben schaun, was wächst: Succini, Kohl, Bohnen und vieles andere wächst Super, Radischen und Möhren eben nicht. Die kommen dann eben nächstes Jahr in Komposterde. So einfach ist das.
    Übrigens: die Tomate auf dem 9. Bild, die in die höhe wuchs, ist heute Nacht anscheinend umgekippt. Ganz unproblematisch, knapp über dem Boden ist die Knickstelle, und man sieht sie gar nicht, die Tomate hat sich schlicht dort „verbogen“. Das wird sich gewiss nun verwachsen, und nun stützt die sich schön auf dem Boden ab und wächst weiter. Also, auch hier kein Problem!
    Herzlich Giorgio

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  3. Hallo Giorgio,

    schön, dass du dich an das Experiment gewagt hast – und dass es so super funktioniert. 🙂
    Auf meinem Balkon hätte ich gar nicht den Platz dazu, die Tomaten so wachsen zu lassen, wie sie wollen. Außerdem glaube ich nicht, dass ohne Gießen funktioniert hätte. Dafür bietet die Erde in den Töpfen schlichtweg zu wenig Feuchtigkeit. Und die Pflanze hat keine Möglichkeit, sich in die Tiefe oder Breite zu verwurzeln, um doch noch an Wasser zu kommen…
    Apropos Wasser: Wie viel hat es denn in den vergangenen Monaten bei euch geregnet? „Wasser von oben“ mögen ja offensichtlich auch viele Tomaten nicht… 😦

    Kistengrüne Grüße
    Mel

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    1. Liebe Mel,
      nein, natürlich kann man im Topf oder Kübel nicht auf das Gießen verzichten! Das geht nur, wenn die Pfahlwurzeln der Tomate wirklich ins Grundwasser eindringen können. Was sie draußen tun; auf dem Balkon muss man gießen, regelmäßig.
      Wasser von Oben, ja das macht mir auch viel Angst!!! Es regnet ja jeden Tag seit zwei Monaten, manchmal weniger, manchmal sehr viel. Doch, fast immer können die Pflanzen im Laufe des Tages wieder ganz abtrocknen. Ich weiß es schlicht nicht, ob es Braunfäule geben wird, Angst davor habe ich jede Minute. Ich beuge dem vor, durch nicht Auszgeizen = keine Keime einlassen, gelegentlich mit Milchlösung sprühen = Blattoberflächen stärken und gelegentlich mit Brennesseljauche gießen = Pflanze stärken. Obs Klappt, kann ich auch nur hoffen.
      Herzlich Giorgio

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  4. Hallo Giorgio; Vielen Dank für Deine überaus präzise Bilddoku. Kann Deinen Ausführungen nur beistimmen. Immer dann, wenn man mit der Natur, mit den Pflanzen, und ein wenig gegen den allgemeinen Gärtner-Strom arbeitet, zeigen uns die Pflanzen ihre unglaubliche Veriditas. Vivat crescat floreat!
    Wünsche Dir eine reiche Ernte, viel Saatgut für Folgejahre und eine stetig wachsende ausgewogene Bodenlebewesen-Vermehrung. Berichte doch bitte über Deine Arbeiten nach der Ernte auch so anschaulich. Chapeau!!

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  5. Lieber Robert,
    ganz herzlichen Dank! Da ich weiß, wie erfahren Du bist, freut mich Deine Einschätzung natürlich besonders!
    Auf jeden Fall werde ich weiter berichten, vor allem von Tomaten.
    Herzlich Giorgio

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